Während in Davos Friedensgespräche laufen, beziffert Kiew seinen künftigen Finanzbedarf: Bis zu 600 Milliarden Euro sollen in den nächsten zehn Jahren von außen kommen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat vorgeschlagen, eine gemeinsame Armee von Ukraine und Europa mit einer Stärke von bis zu drei Millionen Soldaten aufzubauen. Wie Selenskyj am Dienstag in einem Online-Chat mit Journalisten erklärte, hatte er das Thema angesichts der Bedrohung durch Russland bereits im vergangenen Jahr zur Sprache gebracht. Russland plant seinerseits, seine Streitkräfte bis 2030 auf 2,5 Millionen Soldaten zu erweitern.
Am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos führten ukrainische Unterhändler Gespräche mit Sicherheitsberatern aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Der ukrainische Chefunterhändler Rustem Umjerow kündigte auf Telegram weitere Treffen mit internationalen Partnern an, bei denen Sicherheitsgarantien, wirtschaftliche Entwicklung und der Wiederaufbau der Ukraine thematisiert werden sollen. Auch der russische Sondergesandte Kirill Dmitriew ist in Davos eingetroffen und plant Insidern zufolge Gespräche mit US-Vertretern.
Die Teilnahme des ukrainischen Präsidenten Selenskyj am Weltwirtschaftsforum steht noch nicht fest. Er machte sein Kommen von konkreten Ergebnissen abhängig: „Wenn die Dokumente fertig sind, dann wird es ein Treffen mit US-Präsident Donald Trump und eine Reise geben.“ Auch Zusagen für weitere Energiehilfen oder zusätzliche Flugabwehrsysteme könnten ihn zur Anreise bewegen.
Vorerst sei er jedoch in Kiew geblieben, um die Folgen eines schweren russischen Luftangriffs zu bewältigen, der die Heizungsversorgung in etwa der Hälfte der Wohngebäude der Hauptstadt lahmgelegt habe. Die Abwehr des Angriffs habe die Ukraine zudem rund 80 Millionen Dollar gekostet. „Sicherlich habe ich mich in diesem Fall für die Ukraine entschieden, nicht für das Wirtschaftsforum, aber alles kann sich jeden Moment ändern“, erklärte Selenskyj in einem Online-Chat.
„Denn es ist für die Ukrainer sehr wichtig, diesen Krieg zu beenden.“
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Finanzierungsbedarf
Nach Angaben der ukrainischen Regierung werden für den Unterhalt der Streitkräfte in den kommenden zehn Jahren mehrere Hundert Milliarden Euro benötigt. Der für EU- und NATO-Integration zuständige ukrainische Vizeregierungschef Taras Katschka bezifferte bei einer Diskussionsveranstaltung in Davos den Bedarf auf bis zu 700 Milliarden US-Dollar (gut 600 Milliarden Euro), sollte „sich die Situation nicht ändern, das heißt das aggressive Verhalten Russland bezüglich Europas und der Welt“.
Wirtschaftsminister Olexij Sobolew präzisierte, dass es sich dabei um Verteidigungsausgaben handelt, die nicht im ukrainischen Staatshaushalt vorgesehen sind und daher von außen kommen müssten. Den zusätzlichen ukrainischen Eigenanteil aus dem Budget für Verteidigungsausgaben im selben Zeitraum schätzte er auf umgerechnet 425 Milliarden Euro.
Internationale Hilfen
Die Ukraine verteidigt sich seit fast vier Jahren mit ausländischer Unterstützung gegen die russische Invasion. Nach Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft wurden für das osteuropäische Land bereits Militärhilfen im Umfang von über 200 Milliarden Euro bereitgestellt.
Kiew hofft nun im Rahmen eines umfassenderen US-Friedensplans auf den Abschluss von Abkommen über Sicherheitsgarantien und einen milliardenschweren Wiederaufbauplan mit den Vereinigten Staaten. Die Verhandlungen darüber kamen zuletzt jedoch ins Stocken.
Diese Gespräche sind Teil der Bemühungen der ukrainischen Regierung, breite internationale Unterstützung für ihre Friedensvorstellungen zu gewinnen.