**Mitten in Rom ruht ein vergessener Namensgeber: Papst Silvester I., dessen Todestag am 31. Dezember in vielen Ländern als rauschendes Fest begangen wird – sehr zum Unverständnis der Italiener.**
Die unscheinbare Kirche San Silvestro in Capite im Herzen Roms bleibt von den meisten Besuchern unbeachtet. Dabei beherbergt das aus dem 8. Jahrhundert stammende Gotteshaus die Überreste eines bedeutenden Kirchenführers: Papst Silvester I., nach dem der letzte Tag des Jahres benannt ist. Der 31. Dezember markiert seinen Todestag – der 33. Papst der katholischen Kirche verstarb laut gregorianischem Kalender im Jahr 335 nach Christus im Alter von nur 50 Jahren.
In Italien gedenken die Menschen am Mittwoch erneut dieses Heiligen, der auch als Schutzpatron aller Haustiere verehrt wird. Für Italiener bleibt es jedoch unverständlich, dass in Österreich, Deutschland, Polen, Tschechien, der Schweiz und der Slowakei ein Todestag – noch dazu der eines Papstes – als „Silvester“ gefeiert wird. In Italien heißt dieser Tag schlicht „capodanno“ (Kopf des Jahres). Englischsprachige Länder bezeichnen ihn als „New Year’s Eve“ (Vorabend des neuen Jahres), während er im Spanischen „nochevieja“ (Alte Nacht) genannt wird.
Die historische Bedeutung des Mannes, der vor 1.700 Jahren als Papst amtierte, ist heute nur noch wenigen bekannt. Sein Name leitet sich vom lateinischen Wort für Wald, „silva“, ab. Silvester bedeutet demnach „Mann aus dem Wald“ – und tatsächlich soll er vor seinem Pontifikat im Wald von Soratte nahe Rom gelebt haben.
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Konstantins Bekehrung
Der Überlieferung nach soll Silvester den an Lepra erkrankten Kaiser Konstantin geheilt haben, woraufhin dieser die Christenverfolgung im Römischen Reich beendete. Historisch betrachtet wurde das Edikt von Mailand, das das Christentum zur offiziellen Religion erhob, jedoch bereits 313 erlassen – einige Monate bevor Silvester zum Papst gewählt wurde. Während seiner Amtszeit von Jänner 314 bis Dezember 335 vollzogen sich dennoch tiefgreifende Veränderungen.
In diese Epoche fallen auch die Anfänge der ersten römischen Basiliken, darunter die Vorgängerbauten des Petersdoms undder Lateranbasilika. In den jährlich von mehr als sechs Millionen Menschen besuchten Vatikanischen Museen findet sich ein berühmtes Fresko nach Entwürfen Raffaels (1483-1520), das die Taufe Kaiser Konstantins durch Silvester zeigt. Diese Darstellung entspricht nicht den historischen Tatsachen. Auch die dreifache Papstkrone (Tiara), die Silvester auf dem Fresko trägt, existierte zu seinen Lebzeiten noch nicht.
Eindeutig ins Reich der Legenden gehört die Erzählung, wie Silvester einen Drachen bezwang, der in einer Höhle am Palatin – einem der sieben Hügel Roms – hauste. Der Atem des Ungeheuers soll so furchtbar gestunken haben, dass Tausende Menschen starben. Silvester soll das Untier jedoch mit einem einzigen Faden seines päpstlichen Gewandes gefesselt und über 365 Stufen ans Tageslicht gezerrt haben – symbolisch mit 365 Schritten dem neuen Jahr entgegen.
Historisches Erbe
Historisch belegt ist hingegen, dass während Silvesters Pontifikat das erste ökumenische Konzil der Geschichte stattfand. Im Jahr 325 versammelten sich Bischöfe aus aller Welt im heutigen Iznik in der Türkei (damals Nicäa), um theologische Grundsätze festzulegen. Bei dieser Zusammenkunft wurde auch das Glaubensbekenntnis formuliert, das bis heute gesprochen wird. Der amtierende Papst Leo XIV., der zugleich Bischof von Rom ist, besuchte diesen historischen Ort im vergangenen Monat während seiner ersten Auslandsreise.
Die Kirche San Silvestro, in der einige Reliquien des Papstes aufbewahrt werden, hat Leo seit seiner Wahl im Mai noch nicht besucht. Damit verhält er sich ähnlich wie ausländische Touristen, die lieber zur nahegelegenen Spanischen Treppe und zum Trevi-Brunnen pilgern.
Die meisten wissen vermutlich nichts von der Grabstätte unter dem Altar. Am Mittwoch, dem Namenstag des Heiligen, wird in San Silvestro wie jedes Jahr zum Jahresende ein Gottesdienst abgehalten. Ein Feuerwerk ist nicht vorgesehen.