Zwei Konzerne, ein Giftstoff, Säuglinge in Gefahr – und Wochen vergingen, bevor die Öffentlichkeit erfuhr, was längst bekannt war.
Seit Anfang Jänner 2026 rufen die Lebensmittelkonzerne Nestlé und Danone in zahlreichen Ländern Säuglingsnahrung zurück. Grund ist eine mögliche Verunreinigung mit dem Giftstoff Cereulid. Betroffen sind in Deutschland unter anderem die Marken Beba, Alfamino, Aptamil und Milupa Minumil. Das Toxin kann bei Babys starkes Erbrechen, Durchfall und Bauchschmerzen verursachen und stellt für Säuglinge ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko dar.
Verantwortlich für die Verunreinigung ist das Toxin Cereulid, das vom Bakterium Bacillus cereus gebildet wird. Dieser Mikroorganismus ist weltweit in Böden verbreitet und kann über Rohstoffe oder Staubpartikel in Lebensmittel gelangen. Als mögliche Eintragsquelle gilt eine Zutat aus China: Arachidonsäure, eine für Säuglinge wichtige Fettsäure, die offenbar von einem Hersteller aus Wuhan stammt – einem der bedeutendsten Produzenten dieser Substanz weltweit.
Symptome & Risiken
Cereulid entfaltet seine Wirkung vor allem als starker Auslöser von Übelkeit und Erbrechen. Die Symptome – darunter Erbrechen, Durchfall und Bauchschmerzen – treten typischerweise zwischen 30 Minuten und sechs Stunden nach der Aufnahme auf und klingen in den meisten Fällen innerhalb eines Tages wieder ab. Schwere Verläufe sind selten, in Einzelfällen wurden jedoch Leber- oder Nierenschäden dokumentiert.
Bei Säuglingen ist besondere Vorsicht geboten: Erbrechen und Durchfall können rasch zu gefährlichem Flüssigkeitsverlust führen. Eltern sollten auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten und bei anhaltenden Beschwerden oder einem schlechten Allgemeinzustand des Kindes unverzüglich ärztliche Hilfe aufsuchen.
Welche Chargen und Mindesthaltbarkeitsdaten konkret betroffen sind, veröffentlichen die Hersteller laufend auf ihren Internetseiten sowie über offizielle Warnportale. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit betreibt gemeinsam mit den Bundesländern das Portal lebensmittelwarnung.de, das auch als App verfügbar ist. Zusätzlich informiert das private Portal produktwarnung.eu tagesaktuell über aktuelle Rückrufe.
Verspätete Information
Die deutsche Öffentlichkeit wurde erstmals am 5. Jänner 2026 über den Rückruf informiert, als Nestlé eine Pressemitteilung veröffentlichte und entsprechende Warnmeldungen auf den einschlägigen Portalen erschienen. Dem Unternehmen zufolge war die Verunreinigung jedoch bereits Anfang Dezember 2025 bekannt – zu diesem Zeitpunkt wurde allerdings ausschließlich der Handel in Kenntnis gesetzt. Im Europäischen Schnellwarnsystem RASFF war bereits am 12. Dezember 2025 eine Warnung aus Italien für ein aus den Niederlanden stammendes Produkt eingegangen.
Aus Sicht der Verbraucherzentralen wurde damit bei einem besonders schutzbedürftigen Produkt ein erhebliches Gesundheitsrisiko bewusst in Kauf genommen. In Frankreich ermittelt die Justiz im Zusammenhang mit dem Tod zweier Kinder, die die betroffenen Produkte konsumiert hatten. Nestlé hatte in seiner ursprünglichen Rückrufmitteilung erklärt, bislang keine medizinische Bestätigung für einen Krankheitsfall erhalten zu haben – diese Aussage erwies sich jedoch als unvollständig: Das flämische Gesundheitsministerium teilte am 10. Februar mit, dass Cereulid in Stuhlproben erkrankter Säuglinge nachgewiesen worden sei. Nestlé korrigierte seine Informationsseite daraufhin am 13. Februar 2026.
Bereits vor dieser Korrektur hatten sich bei den Verbraucherzentralen Eltern gemeldet, deren Kinder nach dem Verzehr der betroffenen Chargen stark erbrochen hatten. Ein eindeutiger Kausalzusammenhang ließ sich jedoch nicht belegen – auch deshalb, weil mögliche Erkrankungsfälle offenbar nicht systematisch untersucht wurden und vielen Betroffenen die potenzielle Ursache Cereulid zum Zeitpunkt der Beschwerden noch gar nicht bekannt war. Aus Sicht der Verbraucherzentralen hätten die betroffenen Produkte in solchen Fällen umgehend analysiert werden müssen.
Danone reagierte noch später als Nestlé: Erst am 30. Jänner 2026 wurden Verbraucherinnen und Verbraucher über verunreinigte Aptamil-Produkte aus verschiedenen Chargen informiert. In der Folge wurden weitere betroffene Produkte bekannt, darunter auch mehrere Sorten der Marke Milupa Minumil, die ebenfalls zum Danone-Konzern gehört. Auch in diesem Fall war offenbar zunächst nur der Handel informiert worden, bevor die Öffentlichkeit von der Kontamination erfuhr.
Inzwischen sind in zahlreichen Ländern – darunter Frankreich, Luxemburg, die Schweiz, Österreich, Belgien, Polen, die Niederlande und Großbritannien – Produkte verschiedener Marken zurückgerufen worden. Die Schweizer Behörden richteten am 18. Februar 2026 eine deutliche öffentliche Aufforderung an die betroffenen Unternehmen. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärmedizin erklärte: „Insbesondere will das BLV Aufklärung darüber, ob die Unternehmen die rechtlichen Vorgaben des vorsorglichen Gesundheitsschutzes eingehalten und rasch genug reagiert haben.“
Wer Säuglingsnahrung verwendet, sollte aktuelle Rückrufmeldungen konsequent im Blick behalten, Chargennummern abgleichen und im Zweifelsfall auf betroffene Produkte verzichten. Milch sollte stets frisch zubereitet und nicht aufbewahrt werden.
Zeigt ein Kind nach dem Trinken Symptome wie Erbrechen oder Durchfall, ist frühzeitig ärztlicher Rat einzuholen.