Hinter der Fassade des digitalen Freiheitskämpfers verbirgt sich ein beunruhigendes Geflecht aus Verbindungen zum russischen Sicherheitsapparat. Telegram steht im Zentrum schwerwiegender Enthüllungen.
Die vermeintlich sichere Messaging-App Telegram steht unter massivem Verdacht, ein Einfallstor für russische Geheimdienste zu sein. Eine brisante Untersuchung des investigativen russischen Portals IStories legt offen, dass die gesamte technische Infrastruktur der App unter der Kontrolle von Personen mit engen Verbindungen zum russischen Sicherheitsapparat steht.
Anders als vom russischen Gründer Pavel Durov beworben, der Telegram stets als Hort der Meinungsfreiheit und digitalen Privatsphäre präsentierte, sind normale Telegram-Gespräche keineswegs automatisch geschützt. Im Gegensatz zu WhatsApp oder Signal werden Nachrichten ohne aktive Nutzung der „geheimer Chat“-Funktion unverschlüsselt auf Servern gespeichert.
„Das bedeutet, dass derjenige, der den Server kontrolliert, auf die Korrespondenz zugreifen kann“, warnt IStories.
Diese Server werden von einem kaum bekannten Unternehmen namens Global Network Management (GNM) mit Sitz in Antigua und Barbuda betrieben. Der russische Eigentümer, Vladimir Vedenejev, hat vor einem US-Gericht bestätigt, dass sein Unternehmen die Telegram-Infrastruktur installiert, wartet und Personal in Russland beschäftigt.
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Pikant: Laut Gerichtsdokumenten fungiert Vedeneev gleichzeitig als Finanzdirektor von Telegram.
Die für Telegram genutzten IP-Adressen, die heute von GNM kontrolliert werden, gehörten bis 2020 dem St. Petersburger Unternehmen Globalnet – einem der wichtigsten Glasfasernetz-Betreiber Russlands. Trotz des formellen Eigentümerwechsels befinden sich Hunderte dieser IP-Adressen nach wie vor physisch in Russland.
Verstrickte Netzwerke
Die Recherchen von IStories enthüllen ein komplexes Netzwerk: Vedenejev war bis vor kurzem Haupteigentümer von Globalnet, übertrug 2024 jedoch 96 Prozent an Familienmitglieder. Die restlichen 4 Prozent hält Roman Venediktov – ein Absolvent der militärischen Elite-Weltraum-Akademie Mozhajski, der fast ein Jahrzehnt im Hauptzentrum für Weltraumkontrolle des russischen Verteidigungsministeriums diente.
Venediktov könnte die Familie Durov vor etwa zehn Jahren kennengelernt haben, als er am Unternehmen „Peering“ beteiligt war, das das DATAIX-Verkehrsaustauschnetzwerk verwaltete – über das der gesamte Datenverkehr von VKontakte lief.
Nach der Fusion von Globalnet und DATAIX im Jahr 2018 entstand eines der größten globalen Netzwerke für Internetverkehr mit Verbindungen zu zahlreichen europäischen Dienstleistern. Laut Vedenejev deckte dieses Netzwerk bis 2019 beeindruckende 90 Prozent des ukrainischen und 100 Prozent des belarussischen Telekommunikationsmarktes ab.
2020 brüstete sich Globalnet damit, der einzige Telekommunikationsbetreiber zu sein, der direkten Zugang zu Telegram in Russland und der GUS ermöglicht.
Besonders alarmierend: Im Frühjahr 2022, kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, implementierte Globalnet als erstes russisches Peer-to-Peer-Netzwerk auf Anordnung der Medienaufsichtsbehörde Roskomnadzor ein System zur Überwachung des Nutzerverkehrs mittels Deep Packet Inspection (DPI) – eine Technologie, die die Kontrolle des Internetverkehrs und die Blockierung unerwünschter Websites ermöglicht.
Geheimdienst-Verbindungen
Fast zeitgleich mit der Installation dieser Überwachungstechnologie erklärte der stellvertretende Vorsitzende des Duma-Ausschusses für Informationspolitik, Oleg Matveyev, unverblümt: „Durov hat einen Kompromiss mit dem FSB gefunden. Anfragen im Rahmen operativer Maßnahmen werden dorthin weitergeleitet, wenn Terroristen oder jemand anderes unter Kontrolle stehen.“ Telegram hat Ausrüstung installiert, um alle gefährlichen Subjekte überwachen zu können.
Die Verstrickungen gehen noch tiefer: Globalnet bietet Kommunikationsdienste für zahlreiche russische Staatsunternehmen an, darunter auch solche aus dem Verteidigungssektor – etwa dem sanktionierten Kurtschatow-Institut und dem Hauptforschungsrechenzentrum der russischen Präsidialverwaltung (GlavNIVC). Dieses Zentrum bietet offiziell technische Unterstützung für Gipfeltreffen mit Putin, fungiert aber inoffiziell als geschlossenes Analysezentrum für FSB, FSO, Innenministerium und Verteidigungsministerium.
Globalnet ist nicht das einzige Unternehmen Vedenejevs in Russland. Bis vor kurzem kontrollierte er auch Electron Telekom aus St. Petersburg, das er 2024 ebenfalls an seine Familie übertrug. Laut dem europäischen Internetregister RIPE ist auch Electron Telekom mit der Telegram-Infrastruktur verbunden und hat der Plattform mehr als 5.000 IP-Adressen bereitgestellt.
Besonders brisant: IStories erhielt Zugang zu internen Finanzdokumenten von Electron Telekom für 2024 und entdeckte, dass einer der wichtigsten staatlichen Kunden der russische Inlandsgeheimdienst FSB ist.
Ein weiteres Sicherheitsrisiko: Neben der Entschlüsselung und Speicherung von Benutzernachrichten ordnet Telegram jeder Nachricht eine eindeutige Gerätekennung zu, die sogenannte auth_key_id. Der Cybersicherheitsexperte Michal Wozniak erklärt, dass diese Kennzeichnung es der Plattform ermöglicht, das Gerät des Nutzers zu identifizieren und den entsprechenden Entschlüsselungsschlüssel anzuwenden.
In Kombination mit Metadaten wie IP-Adressen und Zeitstempeln kann dieses System zur Bestimmung des physischen Standorts und der Kontakte des Nutzers verwendet werden.