Schüsse, Drohungen, ein brüchiger Waffenstillstand – und Trump, der Israel eine unmissverständliche Warnung schickt.
Die schwerste Eskalation seit Beginn der Waffenruhe zwischen dem Iran und Israel ist am Montag zumindest vorläufig zum Stillstand gekommen. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte, die Kampfhandlungen seien eingestellt worden, der Iran seinerseits kündigte an, seine Angriffe zu beenden. Beide Seiten verknüpften die Feuerpause jedoch mit einer Reihe von Bedingungen, die darauf hindeuten, dass es sich lediglich um eine kurze Unterbrechung handeln könnte.
„Nachdem wir das Terrorregime in Teheran angegriffen haben, hat es aufgehört, uns zu attackieren“, sagte Netanjahu im Fernsehen. Gleichzeitig drohte er Teheran mit erneuten Angriffen, sollte der Iran „den Fehler begehen, die Angriffe gegen uns wieder aufzunehmen“. Israels Bildungsministerium gab später bekannt, dass die am Montag infolge der Angriffe geschlossenen Schulen am Dienstag wieder ihren Betrieb aufnehmen würden.
Zuvor hatte der Iran die Einstellung seiner Angriffe auf Israel bekanntgegeben, zugleich aber mit „härteren und vernichtenderen Maßnahmen“ gedroht, sollte Israel seine Operationen im Südlibanon fortführen. Wenig später fing die israelische Armee drei aus dem Libanon abgefeuerte Geschoße ab, wie ein AFP-Journalist nahe der Grenze berichtete. Parallel dazu setzte die israelische Armee ihre Angriffe im Südlibanon fort, wie die libanesische Nachrichtenagentur NNA meldete.
Trumps Warnung
Verteidigungsminister Israel Katz kündigte an, Israel werde auf jeden Hisbollah-Angriff im Norden des Landes mit einem Gegenschlag auf die Vororte der libanesischen Hauptstadt Beirut antworten. „Die israelische Armee wird ihre Einsätze im Libanon gegen die Terrororganisation Hisbollah fortsetzen“, erklärte Katz darüber hinaus. Jeder iranische Versuch, einen Zusammenhang zwischen dem Libanon und dem Iran herzustellen und Israel anzugreifen, werde „mit großer Härte beantwortet werden“.
Am Montagabend bot der libanesische Präsident Joseph Aoun Israel Verhandlungen über eine Beendigung des Krieges an. Eine militärische Lösung werde den Menschen im Norden Israels niemals Sicherheit bringen, sagte Aoun in einem Interview mit dem Sender CNN. Ein direktes Treffen mit Netanjahu schloss Aoun jedoch vor einer Einigung auf ein Kriegsende aus. Bei der angestrebten Vereinbarung solle es sich um einen Nichtangriffspakt handeln, nicht um ein umfassendes Friedensabkommen.
US-Präsident Donald Trump warnte den israelischen Premier Netanjahu vor einem erneuten Krieg gegen den Iran. Sollte ein neuer Konflikt ausbrechen, könnte Israel auf sich allein gestellt sein, sagte Trump in einem Interview des US-Nachrichtenportals Axios. „Ich habe gesagt: ‚Bibi (Netanjahu, Anm.), du solltest besser vorsichtig sein, oder du wirst sehr bald auf dich allein gestellt sein'“, zitierte das Portal den US-Präsidenten.
Drohungen im Seegebiet
Davor hatte die iranische Revolutionsgarde mit einer Ausweitung der Angriffe auf Golfstaaten und deren Energieinfrastruktur gedroht. Die mit dem Iran verbündeten Huthis im Jemen hatten angekündigt, den Schiffsverkehr im Roten Meer zu erschweren und gegebenenfalls vollständig zu blockieren. Dieses Seegebiet stellt seit der Sperrung der Straße von Hormus durch den Iran die einzige verbleibende Alternativroute für Ölexporte aus den Golfstaaten und Saudi-Arabien dar. Eine gleichzeitige Blockade beider Schiffsrouten käme einer drastischen Eskalation gleich – die Ölpreise stiegen am Montag prompt an.
Die iranischen Al-Kuds-Brigaden kündigten am Abend die Errichtung eines neuen Sicherheitsgürtels an. Dieser „Gürtel des Widerstands“ solle sich von der Straße von Hormus bis zur Meerenge Bab al-Mandab vor der Küste des Jemen sowie vom Golf bis zum Roten Meer erstrecken, sagte Kommandeur Esmail Kaani nach Angaben staatlicher Medien. Unter dem Begriff „Widerstand“ beziehungsweise „Achse des Widerstands“ fasst die Führung in Teheran ihre regionalen Verbündeten zusammen, zu denen auch die Huthi-Rebellen zählen.
Der Iran begründet seine Angriffe vom Sonntag – dem ersten direkten militärischen Schlagabtausch zwischen den beiden Ländern seit April – mit israelischen Angriffen auf Vororte im Süden Beiruts. Die Miliz und Terrororganisation Hisbollah, die als politische Partei auch im libanesischen Parlament vertreten ist, war an der Aushandlung der Waffenruhe nicht beteiligt und hält sich nicht daran. Teherans erklärtes Ziel ist es, dass eine etwaige Einigung mit den USA den vollständigen Rückzug der israelischen Armee aus dem Südlibanon sowie die Einstellung der Angriffe auf die Hisbollah beinhalten muss.
Israel hingegen will die Libanon-Front von einer möglichen Einigung mit dem Iran entkoppeln. Dass der Iran Israel nicht als Reaktion auf einen direkten Angriff beschießt, sondern zur Unterstützung des Verbündeten Hisbollah, stellt aus israelischer Sicht eine neue Qualität der Eskalation dar.
Am 28. Februar hatten Israel und die USA ihren Krieg gegen den Iran begonnen. Am 8. April einigten sich die USA und der Iran auf eine zunächst zweiwöchige Waffenruhe, die in der Folge verlängert wurde.
Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran über eine dauerhafte Beendigung des Krieges haben bislang zu keiner Einigung geführt.