7.000 Jahre alte Knochen, Schnittspuren, Schädelbecher – Funde aus drei Höhlen Spaniens zwingen die Wissenschaft zum Umdenken.
In drei Höhlen der spanischen Provinz Granada haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Belege für prähistorischen Kannibalismus gesichert, die mehr als 7.000 Jahre zurückreichen. Die Funde eröffnen neue Perspektiven auf das Alltagsleben und die sozialen Strukturen frühgeschichtlicher Gesellschaften auf der Iberischen Halbinsel.
Ein internationales Forscherteam analysierte knapp 1.000 menschliche Knochen aus den Höhlen Malalmuerzo, Carigüela und Majolicas. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden im Journal of Archaeological Science publiziert. An den Knochen fanden sich Schnittspuren, Bissspuren sowie Zeichen gezielter Zerstörung – Hinweise darauf, dass menschliche Körper systematisch verarbeitet wurden, darunter durch Kochen und die Entnahme von Knochenmark.
Rituale und Massaker
Die Auswertung der Funde zeigt, dass Kannibalismus in unterschiedlichen sozialen und zeitlichen Zusammenhängen praktiziert wurde. Die Überreste aus der Malalmuerzo-Höhle, datiert auf den Zeitraum zwischen 5300 und 4950 vor Christus, legen nahe, dass dort möglicherweise ein Massaker stattgefunden hat. Nach den Analysen waren an diesem Gewalt- und Kannibalismusepisod mindestens rund 30 Personen unterschiedlichen Alters beteiligt, deren Körper anschließend verarbeitet und verzehrt wurden. In der Carigüela-Höhle hingegen wurden zwei menschliche Schädel zu sogenannten Skull Cups umgearbeitet, was auf rituelle Hintergründe schließen lässt.
Auch in der Majolicas-Höhle deuten Funde auf zeremonielle Handlungen hin: Dort wiesen Knochenreste eine rote Färbung auf, die auf Zinnober zurückgeführt wird.
Vielschichtige Praxis
Die Studie stellt damit das Bild eines einheitlichen prähistorischen Kannibalismus grundlegend infrage. Die Befunde belegen vielmehr eine mehrphasige, vom jeweiligen Kontext abhängige Praxis und verweisen auf die vielschichtige soziale Organisation neolithischer Gemeinschaften auf der Iberischen Halbinsel.
Die Forschenden plädieren dafür, derartige Praktiken nicht pauschal zu betrachten, sondern stets die spezifischen kulturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in die Analyse einzubeziehen.