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Kinderheirat

Verschuldete Afghanen verkaufen ihre Töchter – manche sind erst zwei Monate alt

Verschuldete Afghanen verkaufen ihre Töchter – manche sind erst zwei Monate alt
FOTO: EPA
7 Min. Lesezeit |

Töchter als Währung, Kindheit als Verhandlungsmasse – in Afghanistan entscheidet Armut über Leben und Tod.

Afghanistan versinkt in einer humanitären Katastrophe, die für Millionen Mädchen und Frauen existenzielle Ausmaße annimmt. Seit der Rückkehr der Taliban an die Macht werden Kinderehen nicht nur geduldet, sondern durch neue Gesetze aktiv begünstigt – während gleichzeitig mehr als zwei Millionen Mädchen der Zugang zu weiterführender Bildung verwehrt bleibt. Was folgt, ist ein System der Ausweglosigkeit: Familien, die in bitterer Armut versinken, sehen in ihren Töchtern oft die letzte Möglichkeit, Schulden zu tilgen oder schlicht das Überleben zu sichern.

Sima ist 18 Jahre alt und bereits zum vierten Mal Mutter geworden. Ihr jüngstes Kind ist ein Neugeborenes, das älteste vier Jahre alt. Als die Taliban die Macht übernahmen, hatte sie gerade die sechste Klasse abgeschlossen. Zwei Monate später begann ihr Vater, sie massiv unter Druck zu setzen, ihren Cousin zu heiraten. Nachdem er sie mehrfach geschlagen hatte, blieb ihr keine Wahl mehr. Sie willigte ein.

Tödliche Geburten

Simas Geschichte ist längst keine Ausnahme mehr. Mitarbeiter eines öffentlichen Krankenhauses in Nordafghanistan berichten gegenüber „The Guardian“, dass in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 42 minderjährige Mädchen dort entbunden haben. Sechs von ihnen waren bereits zum zweiten Mal schwanger. Bei fünf wurde eine Eileiterschwangerschaft festgestellt – eine der häufigsten Ursachen für Müttersterblichkeit. 18 mussten per Kaiserschnitt entbunden werden. Zwei überlebten die Geburt nicht. Ihre Kinder leben.

Hebamme Shabnam arbeitet in diesem Krankenhaus und beobachtet die Entwicklung mit wachsender Bestürzung. „Seit die neue Regierung an der Macht ist, hat die Zahl minderjähriger Mütter dramatisch zugenommen“, sagt sie. „Früher kamen vielleicht zwei pro Monat zu uns – fast ausschließlich aus bildungsfernen Familien. Heute verheiraten gebildete wie ungebildete Familien ihre Töchter gleichermaßen jung.“

Nach internationalem Recht gilt jeder Mensch unter 18 Jahren als minderjährig und steht unter dem Schutz der UN-Kinderrechtskonvention. Die Weltgesundheitsorganisation warnt ausdrücklich vor den Risiken von Schwangerschaften unter 20 Jahren – sowohl für die Mütter als auch für ihre Kinder seien die gesundheitlichen Folgen erheblich.

Shabnam erinnert sich an einen Fall aus dem Jahr 2024, der sie bis heute nicht loslässt. Eine 13-Jährige wurde mit starken Blutungen nach einer Fehlgeburt eingeliefert. Als Shabnam die Mutter fragte, wie sie ihrer Tochter erlauben konnte, einen fast dreißig Jahre älteren Mann zu heiraten, antwortete diese: „Um meine anderen Kinder ernähren zu können, musste ich eines von ihnen opfern.“

Die Müttersterblichkeitsrate in Afghanistan liegt laut einem Bericht des UN-Büros bei 600 Todesfällen je 100.000 Lebendgeburten. Zum Vergleich: Im Iran sind es 16, in Pakistan 155, in Großbritannien 12. Als Ursachen nennt der Bericht unter anderem Einschränkungen für Frauen im Gesundheitswesen sowie einen akuten Mangel an medizinischem Personal in ländlichen Regionen.

Sima gehört zu jenen mehr als 2,2 Millionen Mädchen, denen seit der Machtübernahme der Taliban der Schulbesuch über die sechste Klasse hinaus verboten ist. Das Afghanistan Human Rights Center berichtet, dass einer Lehrerin zufolge rund 70 Prozent der aus dem Schulsystem verdrängten Mädchen in Zwangsehen getrieben wurden. Eine kleinere Erhebung unter 15 betroffenen Mädchen ergab, dass 66 Prozent von ihnen zum Zeitpunkt der Eheschließung noch keine 18 Jahre alt waren. Manche Familien glauben fälschlicherweise, je jünger die Mutter, desto gesünder und intelligenter das Kind.

Vor der Taliban-Herrschaft stellten die Gesetze des Landes Ehen unter 15 Jahren unter Strafe. Ein neues Dekret aus diesem Jahr setzt keinerlei Mindestalter mehr fest. Es reiht sich ein in eine Serie von Maßnahmen, die Frauen und Mädchen systematisch von Bildung, Arbeit und öffentlichem Leben ausschließen – und die wirtschaftliche Notlage des Landes weiter verschärfen.

Simas Ehemann ist 24 Jahre alt und arbeitslos. Er versuchte sein Glück im Iran, kehrte aber nach drei Monaten ohne Verdienst zurück. Sima würde gerne arbeiten, doch mit drei Kindern und den häuslichen Pflichten gibt es keine Möglichkeit, Geld zu verdienen oder eine Ausbildung zu machen. „Fünf Familien leben auf einem Anwesen: meine Eltern, mein Onkel mit seinen zwei Frauen und mein Bruder mit seiner Frau“, erzählt sie. „Wenn die anderen etwas übrig haben, geben sie es uns. Meistens haben wir Hunger.“

Einem aktuellen Bericht des UN-Entwicklungsprogramms zufolge können sich drei Viertel der afghanischen Bevölkerung – rund 28 Millionen Menschen – die Grundbedürfnisse nicht mehr leisten. Mehr als 80 Prozent der Haushalte sind verschuldet. Mit dem Rückzug von USAID-Mitteln und dem Abbau von Hilfszusagen in Europa sank die internationale Unterstützung für Afghanistan im Jänner 2025 um mehr als 16 Prozent. Hunderte medizinische Einrichtungen mussten schließen oder ihren Betrieb einschränken.

Verkaufte Kindheit

Drei weitere Familien, die für diesen Bericht in Westafghanistan befragt wurden, berichten alle dasselbe: Ihre Töchter wurden zur Schuldenbegleichung versprochen – gegen Vorauszahlung, mit der Vereinbarung, die Mädchen zu einem späteren Zeitpunkt zu übergeben. Drei dieser Kinder sind noch keine zehn Jahre alt und ahnen nichts von der Zukunft, die für sie bereits ausgehandelt wurde.

Golnar ist 57 Jahre alt. Sie hält ihre einjährige Enkelin im Arm, während sie spricht. Das Mädchen wurde verkauft, um die Schulden des Vaters zu begleichen, nachdem dieser vor seinen Gläubigern geflohen war. Der Verkauf – ausdrücklich für eine künftige Ehe – brachte 200.000 Afghani in bar (umgerechnet 2651 Euro) sowie die Tilgung weiterer Schulden. „Wenn sie acht wird, werden sie sie uns wegnehmen“, sagt Golnar. „Sie gaben 100.000 Afghani im Voraus, weitere 100.000 folgen, wenn sie das Mädchen abholen. Das Geld ging direkt an die Gläubiger.“ Sie macht sich Sorgen um die Zukunft ihrer Enkelin und denkt an Mädchen aus ihrer Nachbarschaft, die vor Jahren dasselbe Schicksal ereilte. „Sie haben keine Zukunft. Ob sie uns in einem Feuer verbrennen lassen oder irgendetwas anderes mit ihnen geschieht – wir werden es nicht erfahren.“

Saheb Jan, 51, hat ihre Enkelin im Alter von zwei Monaten zur Schuldenbegleichung versprochen. Die Übergabe soll erfolgen, wenn das Kind sieben Jahre alt ist. Jan findet einen kleinen Trost darin, den künftigen Ehemann zumindest zu kennen – doch es ärgert sie, dass kein Bargeld geflossen ist und die Not in ihrer Familie anhält. „Wir haben dieses Mädchen für Schulden weggegeben, und das war es“, sagt sie. „Gott ist Zeuge, dass unsere Lage auch jetzt noch schrecklich ist.“

Sabza ist 44 Jahre alt. Ihre heute siebenjährige Tochter hat sie verkauft, als das Kind drei war – für eine Schuld von 300.000 Afghani, umgerechnet rund 3.570 Pfund. Die Familie war gerade aus Pakistan zurückgekehrt, es gab nichts zu essen, ihr Mann war zu krank zum Arbeiten. Nun bangt sie darum, dass ihre Tochter innerhalb eines Jahres abgeholt wird. „Wenn es jemanden gäbe, der uns dieses Geld gibt, wäre ich so glücklich. Wenn meine Tochter bei mir bleiben könnte, wäre ich überglücklich“, sagt sie. Ihre anderen Kinder fragen immer wieder, warum sie ihre Schwester verkauft hat. „Wenn meine Tochter zur Tante geht, kommt sie in Panik zurück und fragt, wo ihre Schwester ist. Ich weiß nicht, wie es ihr gehen wird, nachdem sie weggenommen wurde. Wenn ich daran denke, dass es nur noch ein Jahr ist, bricht mir der Himmel auf den Kopf ein. Ich sage mir: Es ist nur noch ein Jahr. Nicht mehr.“

Sima spürt die körperlichen Folgen ihrer frühen Schwangerschaften bis heute. „Während der Schwangerschaft bin ich mehrmals ohnmächtig geworden, weil mein Blutdruck so niedrig war. Ich habe ständig Kopfschmerzen. Meine Nieren schmerzen. Ich fühle mich wie eine 70-Jährige“, sagt sie.

Hebamme Shabnam berichtet zudem von einem weiteren, tödlichen Problem: Viele Familien verweigern die Zustimmung zu einem Kaiserschnitt, weil sie glauben, dieser würde künftige Schwangerschaften einschränken. Zwei junge Mütter in ihrer Obhut starben zuletzt bei der Geburt, weil ihre Ehemänner die Einwilligung zum Eingriff verweigert hatten.

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KO KOSMO-Redaktion
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