Montenegros EU-Traum hat ein Ablaufdatum – und ein Nachbarland hält den Schlüssel dazu in der Hand.
Montenegros Weg in die Europäische Union verläuft alles andere als reibungslos. Das kleine Adrialand hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, 2028 als 28. Mitgliedstaat der EU aufgenommen zu werden – doch ob dieser Zeitplan zu halten ist, hängt nicht zuletzt von der Bereitschaft eines Nachbarlandes ab, offene Streitfragen beizulegen. Bislang hat Montenegro 18 der insgesamt 33 Verhandlungskapitel vorläufig abgeschlossen. Ungelöste bilaterale Konflikte mit Kroatien drohen jedoch, den gesamten Prozess ins Stocken zu bringen.
Kroatiens Einwände
Kroatien hat in mehreren Punkten Einwände erhoben, die eine Schließung weiterer Verhandlungskapitel derzeit verhindern. Zagreb besteht auf Entschädigungsregelungen für ehemalige Kriegsgefangene sowie auf konkreten Suchbemühungen nach 14 Personen, die seit dem Kroatienkrieg als vermisst gelten. Darüber hinaus sind Eigentumsansprüche kroatischer Familien in Montenegro, der Verbleib des Trainingsschiffs „Jadran“ sowie die Abgrenzung der gemeinsamen Adriaseegrenze strittig. Das kroatische Außenministerium stellt klar, dass es nicht darum gehe, Montenegro grundsätzlich zu blockieren – die offenen bilateralen Fragen müssten jedoch gelöst werden, damit sie nicht den weiteren Beitrittsprozess belasten.
Wachsender Zeitdruck
Der Zeitdruck auf Podgorica wächst. Montenegro hat sich zum Ziel gesetzt, die Beitrittsverhandlungen bis Ende 2026 abzuschließen, um den angestrebten Beitrittstermin 2028 noch realisieren zu können. Diplomatische Beobachter halten diesen Fahrplan für machbar – allerdings nur unter der Bedingung, dass die strittigen Fragen rasch einer Lösung zugeführt werden. Dass Kroatien als EU-Mitglied im Beitrittsprozess ein faktisches Mitspracherecht besitzt, verleiht den bilateralen Spannungen eine besondere politische Dimension.
Parallel dazu läuft der Prozess in Brüssel weiter. Der EU-Rat hat für den 28. September eine Sitzung anberaumt, bei der die Ausarbeitung des Beitrittsvertrags mit Montenegro auf der Tagesordnung steht. Für Podgorica bedeutet das: Reformen vorantreiben und gleichzeitig die Konflikte mit Zagreb entschärfen – beides zugleich, wenn das Land tatsächlich als erster Westbalkanstaat in absehbarer Zeit den Sprung in die EU schaffen will.