Ein virales KI-Video lässt von einer direkten Verbindung über die Adria träumen: Ancona und Split, verbunden durch einen Tunnel unter dem Meer. Die Realität sieht anders aus.
Auf der Instagram-Seite „Tectorae“ kursiert derzeit eine KI-generierte Vision, die einen 130 Kilometer langen Unterwassertunnel zeigt, der die italienische Stadt Ancona direkt mit der kroatischen Küstenstadt Split verbinden würde. Die Reaktionen im Netz fallen enthusiastisch aus: Viele Nutzer können sich offenbar gut vorstellen, künftig per Auto unter der Adria hindurchzufahren, anstatt auf die Fähre angewiesen zu sein oder den deutlich längeren Landweg über Slowenien in Kauf zu nehmen. Das Video ist ausdrücklich als KI-Produktion ausgewiesen – weder auf italienischer noch auf kroatischer Seite existieren konkrete Baupläne.
Vollständig neu ist die Idee einer festen Verbindung über die Adria allerdings nicht. Bereits vor mehr als einem Jahrzehnt entwickelte der Splitter Bauingenieur Boženko Jelić Konzepte für Unterwasserverbindungen zwischen Zadar und mehreren vorgelagerten Inseln. Für diese Pläne wurde damals sogar eine Vorinvestitionsstudie präsentiert. Unabhängig davon existierten auch auf italienischer Seite Überlegungen für eine feste Verbindung über die Adria. Zur Umsetzung kam es jedoch nie.
In den Kommentarspalten des KI-Videos wird außerdem auf einen rechnerischen Widerspruch hingewiesen: Die angegebenen 130 Kilometer Tunnellänge zwischen Split und Ancona stimmen nicht mit der tatsächlichen Luftlinie von 236 Kilometern überein – selbst ab Zadar wären es noch 147 Kilometer. In einem neueren Video greifen die Ersteller eine alternative Route auf: die Straße von Otranto zwischen Albanien und Italien, wo die Meerenge lediglich rund 71 Kilometer breit ist.
Fähren statt Tunnel
Solange ein Unterwassertunnel über die Adria in weiter Ferne liegt, bleibt Ancona der maßgebliche Ausgangspunkt für die Überquerung des Meeres. Wie wichtig Ancona für den Adria-Verkehr ist, zeigte zuletzt das Ferragosto-Wochenende: Zwischen 14. und 16. August wurden im Hafen mehr als 18.500 Passagiere erwartet. Rund 3.900 davon reisten auf den Verbindungen zwischen Ancona und den kroatischen Häfen Zadar und Split. Die kroatische Reederei Jadrolinija betreibt zwischen Zadar und Ancona einen schnellen Katamaran, der die Strecke in vier Stunden zurücklegt – in italienischen Medien wird er als neue Brücke über das Meer bezeichnet.
Rekordtunnel weltweit
Tatsächlich realisierte Unterwassertunnel bewegen sich in gänzlich anderen Größenordnungen. Der Eurotunnel unter dem Ärmelkanal misst 50,45 Kilometer, gilt als drittlängster Eisenbahntunnel der Welt und ist mit einem Meeresanteil von 38 Kilometern der längste Unterwassertunnel überhaupt. Japans Seikan-Tunnel übertrifft ihn zwar mit einer Gesamtlänge von 53,85 Kilometern, verläuft aber nur auf 23,3 Kilometern tatsächlich unter dem Meer.
Als längster und tiefster Straßentunnel unter dem Meeresgrund gilt derzeit der norwegische Ryfylke-Tunnel mit 14,4 Kilometern Länge und einer Tiefe von 292 Metern. Voraussichtlich 2031 kommt der Fehmarnbelttunnel zwischen Deutschland und Dänemark hinzu, der auf 18,1 Kilometern unter der Ostsee verlaufen wird. Norwegen plant zudem für 2033 das Rogfast-Tunnelsystem: ein 26,7 Kilometer langes Bauwerk, das in einer Tiefe von 392 Metern unter dem Meeresgrund geführt werden soll.
Jenseits von Meeresunterquerungen hält der Schweizer Gotthard-Basistunnel mit 57,1 Kilometern den Weltrekord als längster Eisenbahntunnel durch ein Gebirge. Den längsten Straßentunnel der Welt besitzt ebenfalls Norwegen: Der Lærdal-Tunnel erstreckt sich über 24,5 Kilometer.
Eine besondere Kategorie nimmt der finnische Päijänne-Tunnel ein, der als längster Felstunnel weltweit gilt: Das 119,6 Kilometer lange Bauwerk versorgt Helsinki seit 1982 mit Trinkwasser. Auch Österreich verfügt über bemerkenswerte Tunnelbauwerke: Der Koralmtunnel ist mit knapp 32,89 Kilometern der längste Eisenbahntunnel des Landes, während der Arlberg-Straßentunnel mit 13,97 Kilometern als längster Straßentunnel Österreichs gilt.