Beschimpfungen, Drohungen, Angst – der Arbeitsalltag im Handel wird zunehmend von Gewalt geprägt. Jetzt reagieren Unternehmen und Gewerkschaften mit neuen Strategien.
Laut einer Erhebung der Gewerkschaft der Privatangestellten hat nahezu jeder zweite Beschäftigte bereits Gewalterfahrungen gemacht. Mehr als 50 Prozent der im Handel tätigen Angestellten wurden bereits verbal attackiert oder mit Beschimpfungen konfrontiert. Die Umfrage offenbart einen besorgniserregenden Trend: Kunden in Lebensmittelgeschäften zeigen zunehmend aggressives und respektloses Verhalten.
Veronika Aigner-Lederer, Betriebsrätin der Gewerkschaft der Privatangestellten, berichtet von einer alarmierenden Situation: „Die Mitarbeiter haben Angst. Sie werden teilweise auch bedroht, wo ihnen gesagt wird, jemand würde sie abstechen oder erschießen.“ Es gibt Mitarbeiter, die den Job wechseln möchten, weil sie das nicht mehr aushalten.
Verschlechterte Arbeitsbedingungen
Die Arbeitsbedingungen für Handelsbeschäftigte haben sich seit der Corona-Pandemie drastisch verschlechtert. Besonders betroffen sind Angestellte im Lebensmittelsektor. Veronika Aigner-Lederer weist darauf hin, dass vor zwei Jahrzehnten bei geringerem Arbeitspensum die doppelte Anzahl an Personal beschäftigt war.
Eine aktuelle Umfrage der Gewerkschaft der Privatangestellten bestätigt diese Entwicklung: 70 Prozent der Handelsbeschäftigten fühlen sich durch „schwierige Kundschaft“ am Arbeitsplatz belastet. Fast die Hälfte gibt zudem an, dass Konflikte mit Kolleginnen und Kollegen sie zusätzlich unter Druck setzen. Besonders alarmierend: Jüngere Beschäftigte und Frauen sind überproportional häufig von Gewalt und aggressivem Verhalten betroffen, was sich direkt auf das Arbeitsklima und die psychische Gesundheit auswirkt.
Neue Strategien
Der Salzburger Handelskonzern SPAR reagiert nun mit einer Strategieanpassung, wie Unternehmenssprecherin Nicole Berkmann erklärt. Während bislang von den Mitarbeitern in Konfliktsituationen stets Freundlichkeit erwartet wurde, ermutigt das Unternehmen seine Angestellten jetzt, sich gegen unangemessenes Verhalten zu behaupten – etwa mit klaren Aussagen wie: „In diesem Ton spreche ich nicht mit Ihnen“.
Die Gewerkschaft fordert indes konkrete Schutzmaßnahmen und verlangt die Einrichtung von Gewaltschutzbeauftragten in Betrieben mit mindestens 20 Beschäftigten.
Branchenweite Maßnahmen gefordert
Angesichts der sich verschärfenden Lage setzen sich die Gewerkschaften nicht nur für bessere Schutzmaßnahmen ein, sondern fordern auch höhere Gehälter und eine verbesserte Personalausstattung. Betriebsräte bieten betroffenen Angestellten aktive Unterstützung an und verweisen auf die gesetzliche Fürsorgepflicht der Arbeitgeber. Parallel werden rechtliche Beratungsangebote ausgebaut, um die Resilienz der Beschäftigten zu stärken und die branschenweit hohe Fluktuation einzudämmen.