Lazar Ristovski: „An Wien mag ich die Multikulturalität“

INTERVIEW

Lazar Ristovski: „An Wien mag ich die Multikulturalität“

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FOTO: M. Josipović

SCHAUSPIEL. Sein Gesicht kennt jeder. Hinter ihm liegen über 4.000 Bühnenvorstellungen und 73 Filmrollen und er ist bereits Autor zweier Romane. Er ist Träger fast aller Auszeichnungen, die man in Balkan-Region gewinnen kann.

Nach Wien kommt er zum bekannten internationalen Filmfestival LET‘S CEE mit dem Film „Dnevnik mašinovođe“ („Tagebuch eines Lokführers“), an dem er nicht nur als Hauptdarsteller, sondern auch als Produzent mitgewirkt hat. Mit KOSMO sprach der vielseitige Künstler Lazar Ristovski.

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Das internationale LET’S CEE Film Festival zeigt einmal jährlich in Wien eine Auswahl der besten aktuellen Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme aus Zentral- und Osteuropa (CEE) einschließlich der Kaukasus-Region und der Türkei. Heuer findet es vom 21. bis 27. März 2017 statt.

 

KOSMO: Sie kommen zu nach Wien zum internationalen Filmfestival mit dem Film „Dnevnik mašinoviđe“ („Tagebuch eines Lokführers“), dessen Hauptdarsteller und Produzent Sie sind. Dieser Film hat bereits mehrere Preise bei angesehenen Filmfestivals gewonnen und war als ausländischer Film sogar für einen Oscar nominiert. Wie erklären Sie sich den Erfolg dieses Films?
Lazar Ristovski: Die Tatsache, dass unser Film bei über 40 Festivals gezeigt wurde und mehr als zehn angesehene Preise gewonnen hat, zeugt sicher davon, dass unser Film die internationale Filmszene aufgerüttelt hat. Dies ist eine ungewöhnliche Geschichte. Warm, menschlich, ehrlich und emotional. Die Personen sind zum Verzeihen und zu Opfern bereit. Das alles hat dazu beigetragen, dass der Film dem Publikum in aller Welt gefällt.

Ist das vielleicht eine Bestätigung dafür, dass uns warme Filme wie dieser über Menschlichkeit, Freundschaft und Liebe fehlen?
Das ist sicher so. Die Plage aggressiver Filme aus den Unterhaltungsfabriken des Westens hat dazu geführt, dass die Leinwände in aller Welt entmenschlicht worden sind. Dass die primären Gefühle abgetötet werden. Dass die Liebe, der Großmut, die Ritterlichkeit, das Verzeihen und die Freundschaft aussterben. Wie wird die Welt sein, die uns in Zukunft erwartet, wenn nur noch Aggressivität, Kampf um materielle Güter, Rachegelüste und Hass gegenüber anderen Nationen oder Völkern mit anderer Hautfarbe bleiben…

Wie denken Sie über solche internationalen Filmfestivals wie LET’S CEE? Worin liegt ihre Bedeutung?

Die Bedeutung dieser Festivals ist enorm, weil zu den Festivals die Art von Publikum kommt, die ein Film wirklich interessiert. Das ist ein Publikum, das genau auswählt, was es sehen will. Festivals sind gut, denn sie heben das allgemeine künstlerische Bild des Films, und auch die Zuschauer, die die banalen Filme gewöhnt sind, die in Shopping Centers gespielt werden, haben auf den Festivals eine Chance, zum echten, künstlerischen Autorenfilm zurückzukehren.

Kurz & bündig

Wenn ich nicht Schauspieler wäre, wäre ich… niemand.
Es tut mir leid, dass ich nicht den Mut hatte, anonym zu bleiben.

Die Arbeit des Künstlers ist es… aufzurütteln.

Das beste Antidepressivum ist… die Arbeit.

Mein unerfüllter Traum ist… auf einer einsamen Insel zu leben.

Der Moment des größten Glücks… die Geburt meiner Söhne Petar und Jovan.

Der Moment der größten Trauer… der Tod meiner Mutter und meines Vaters.

Sie kommen sicher nicht zum ersten Mal nach Wien. Was mögen Sie an dieser Stadt am meisten?
Die Multikulturalität. Das letzte Mal, als ich hier war, habe ich die Ausstellung „Von Monet bis Picasso“ in der Albertina besucht. Danach ist eine der schönsten Geschichten in meinem neuen Buch entstanden.

Es ist bekannt, dass Wien, nach der Zahl der Jugos zu urteilen, irgendwie auch unsere Stadt ist, und Sie haben in Ihrem letzten Buch „Ulična akademija“ („Straßenakademie“) über unsere Landsleute in fremden Ländern geschrieben. Was haben all diese Menschen gemeinsam?
Die, die sich nicht zurechtgefunden haben, haben denselben Blick. Irgendwie in die Ferne gerichtet. Als ob sie trotz der hohen Gebäude, die ihnen die Aussicht versperren, bis in ihr Heimatdorf schauen könnten. Das ist der Blick der Nostalgie. Aber das Leben ist stärker als die Nostalgie und zwingt die Menschen, die des Brotes wegen ausgewandert sind, weiterzuleben und sich an ihrem neuen Leben zu erfreuen.

Sie sind ein vielseitiger Künstler: als Schauspieler und Produzent beneidenswert erfolgreich, aber auch als Regisseur, und sie haben auch schon zwei Romane geschrieben. Ich kann nicht anders, ich muss einfach fragen: Welche Kraft treibt Sie an?
Die Unruhe. Die Neugier. Die Bereitschaft, mich ständig selber zu erforschen. Das ist weder leicht noch einfach. Dafür braucht man Mut. Darum ist der Künstler dazu auserwählt, das zu sagen und zu tun, was viele andere nicht wissen, nicht wagen oder nicht können.

FOTO: zVg.

Da Sie bereits über 4.000 Bühnenvorstellungen, 73 Filmrollen in einheimischen und in Hollywood-Produktionen hinter sich haben und Träger fast aller Preise sind, die man in unserer Region gewinnen kann, können Sie für uns einige der größten Herausforderungen Ihrer Karriere herausgreifen?
Jedes neue Projekt ist für mich ein neuer Anfang. Mich erregt vor allem der Schaffensprozess bis zum fertigen Werk. Aber der Film „Podzemlje“ („Underground“) von Emir Kusturica und meine Rolle als Petar Popar-Crni war eine große Herausforderung. Auf der Bühne hatte ich einige schwere und große Rollen. Vielleicht war eine der schwersten die des Amadeus im gleichnamigen Stück von Peter Shaffer.

Ihre Frau ist ebenfalls Schauspielerin und Ihr Sohn ist Regisseur. Mit ihm haben Sie alle als Familie an seinem Film „Panta Draškić, cena časti“ („Panta Draškić, der Preis der Ehre“) zusammengearbeitet. Was für eine Erfahrung ist das, als Regisseur Ihren eigenen Sprössling über sich zu haben?
Unser Haus ist ein großes Kunstlabor. Auch unsere Schwiegertochter Teodora ist eine hervorragende Schauspielerin, sodass wir alle für einander die schärfsten Kritiker sind. Das macht uns viel Spaß. Uns hat der Homo ludens (der spielende Mensch) nie verlassen.

Da Sie sich sowohl beruflich als auch privat ideal verwirklicht haben, gibt es noch irgendetwas, wovon Sie träumen?
Ich träume alles Mögliche. Oft verfolgen mich Träume, in denen ich noch immer die Menschheit rette (lacht).

Gibt es in Ihrem Leben etwas, das Sie bedauern?
Die Ungerechtigkeit der Welt macht mich immer unglücklich. Die großen sozialen Unterschiede zwischen den Menschen, die das nicht verdient haben. Ich würde mir wünschen, dass die Welt ein schönerer und gerechterer Ort zum Leben wäre, als sie es ist.

Hier geht’s zum offiziellen Trailer von „Dnevnik mašinovođe“:

Steckbrief
Vorname und Name:
Lazar Ristovski
Geboren: 26. Oktober 1952, Ravno Selo (Serbien)
Beruf: Schauspieler, Produzent, Regisseur und Schriftsteller
Familienstand: Ehemann von Danica und Vater von Petar und Jovan