Von der Diabetes-Therapie zum Lifestyle-Produkt: Millionen Europäer greifen zur Abnehmspritze und treiben einen boomenden Markt an, der Gesundheitssysteme vor neue Herausforderungen stellt.
Die ursprünglich für Diabetes entwickelten GLP-1-Medikamente (Glucagon-like Peptide-1, ein Hormon zur Blutzuckerregulierung) wie „Ozempic“ und „Mounjaro“ haben einen regelrechten Abnehm-Hype ausgelöst. Was als medizinischer Fortschritt für Typ-2-Diabetiker begann, treibt mittlerweile eine milliardenschwere Schlankheitsindustrie an – befeuert durch soziale Medien und rechtliche Grauzonen.
Der Trend zum schnellen Abnehmen per Spritze startete in den USA, wo Konsumenten bereitwillig bis zu 1.300 Dollar monatlich aus eigener Tasche zahlen. Inzwischen schwappt die Welle nach Europa über – nicht nur zu Menschen mit diagnostizierter Adipositas, sondern zunehmend auch zu jenen, die den mühsamen Weg über Diät und Sport scheuen.
In Italien explodierte der Privatmarkt für diese Präparate geradezu: 2024 erreichte der Anteil am globalen Verbrauch von Adipositas-Medikamenten sagenhafte 26 Milliarden Euro – mehr als das Zehnfache des Wertes von 2020. Laut „Pharma Data Factory“ verdoppelten sich die privaten Ausgaben von 52 Millionen Euro (2023) auf über 115 Millionen Euro (2024). Da das staatliche Gesundheitssystem die Abnehmspritzen nicht übernimmt, tragen Patienten die Kosten selbst.
Ein neues Gesetz, das Adipositas als chronische Erkrankung anerkennt, könnte künftig Erstattungen ermöglichen. Vorerst bleiben die Verschreibungen jedoch Fachärzten vorbehalten und setzen einen hohen BMI oder Begleiterkrankungen voraus.
Europäischer Marktboom
Griechenland verzeichnet ähnliche Entwicklungen: Der Verbrauch von Abnehmmitteln stieg 2024 um 82,5 Prozent auf insgesamt 93 Millionen Euro. Besonders „Ozempic“ erfreut sich großer Beliebtheit, während „Mounjaro“ erst seit November 2024 erhältlich ist. Die griechische Gesetzgebung zählt allerdings zu den strengsten in Europa – die Medikamente dürfen offiziell nur Diabetikern verschrieben werden, während die Verwendung zum Abnehmen außer in Extremfällen verboten ist.
Dennoch floriert der Schwarzmarkt. Von „Mounjaro“ werden bereits 12.000 Dosen monatlich verkauft, und eine kürzliche Preissenkung um 23 Prozent dürfte den Absatz weiter ankurbeln – legal oder nicht.
In Portugal kam der Hype vergleichsweise spät, dafür umso heftiger. Allein in den ersten vier Monaten 2025 flossen fast 20 Millionen Euro in Tirzepatid („Mounjaro“) und Semaglutid („Wegovy“), die dort offiziell für Adipositas zugelassen sind. Das erst im April 2025 eingeführte „Wegovy“ verzeichnet bereits 6.800 verkaufte Einheiten pro Monat zum Preis von 244,80 Euro pro Injektion.
„Ozempic“ wird trotz fehlender Zulassung für Gewichtsverlust auch von Nicht-Diabetikern häufig verwendet. Wegen Lieferengpässen hat die Behörde „Infarmed“ mit Unterstützung der Europäischen Arzneimittelagentur Kontrollen eingeleitet. Eine Kostenerstattung gibt es nicht – Patienten zahlen selbst, oft angetrieben durch Influencer und Prominente.
In Spanien schoss der Umsatz mit Abnehmmitteln laut IQVIA (Marktforschungsunternehmen für Gesundheitsdaten) 2024 um 65 Prozent auf 484 Millionen Euro in die Höhe. Mit 4,8 Millionen verkauften Dosen wurde das Vorjahr um 50 Prozent übertroffen. Die spanischen Einzelhandelsausgaben für Medikamente liegen mit 412 Euro pro Kopf allerdings 21 Prozent unter dem EU-Durchschnitt von 500 Euro.
Das Gesundheitsministerium legt die Preise für erstattungsfähige Medikamente fest, und Adipositas-Präparate müssen von Spezialisten verschrieben und überwacht werden. Diese Regulierung soll den korrekten Einsatz sicherstellen, beschränkt aber gleichzeitig den Zugang – besonders problematisch, da die Nachfrage schneller wächst als die politischen Anpassungen.
Regulatorische Unterschiede
In Deutschland schlagen Präparate wie „Wegovy“ und „Mounjaro“ mit bis zu 300 Euro monatlich zu Buche und werden von den Krankenkassen kaum übernommen. Das Gesetz stuft GLP-1-Medikamente zum Abnehmen als „Lifestyle-Therapie“ ein, weshalb keine Erstattung erfolgt. Ausnahmen gibt es nur in speziellen Fällen – etwa wenn Adipositas das Herz gefährdet.
Dennoch wächst der Markt stetig und soll bis 2030 auf 700 Millionen Euro anwachsen. Mit mehr als der Hälfte der erwachsenen Bevölkerung im Übergewichtsbereich steigt der Druck auf die Regulierungsbehörden, wie Euronews berichtet.
Im Gegensatz zu den restriktiveren Ländern gestaltet sich der Zugang in Polen deutlich einfacher. „Ozempic“ wird für Diabetiker erstattet, lässt sich aber auch über telemedizinische Untersuchungen beziehen – mitunter sogar ohne Diagnose, je nach ärztlicher Einschätzung. Ohne Rabatt kostet das Mittel etwa 404 Zloty (94 Euro), und das Interesse ist enorm, da das Medikament als schnelle Abnehmhilfe gilt.
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Frankreich hat einen Bewertungsprozess für die Erstattung von „Mounjaro“ bei bestimmten Adipositas-Fällen eingeleitet, doch bislang übernimmt die Versicherung die Kosten nicht automatisch. In Großbritannien zeigt sich ein anderes Bild – der NHS (National Health Service, staatliches Gesundheitssystem) deckt bereits seit 2023 „Wegovy“ und seit 2024 „Mounjaro“ ab, allerdings nur im Rahmen spezialisierter Adipositas-Behandlungsprogramme.
Die öffentlichen Gesundheitssysteme Europas geraten zunehmend unter Druck. Medikamente, die eigentlich für chronische Erkrankungen wie Diabetes entwickelt wurden, finden nun massenhafte Verwendung als Abnehmmittel – oft außerhalb der zugelassenen Indikationen und ohne ärztliche Überwachung. Während Adipositas zunehmend als chronischer Zustand anerkannt wird, hinken Vorschriften und Erstattungsrichtlinien dieser Entwicklung hinterher.
So entsteht ein wachsender Graumarkt, in dem Menschen ohne Diagnose selbst zahlen – und dabei erhebliche Risiken eingehen.
Manche dieser Präparate lassen sich mittlerweile so leicht beschaffen wie Entschlackungstees – ein Klick, eine Zahlung, und die Hoffnung, dass tatsächlich das richtige Medikament an der Haustür ankommt.