Russische Forscher steuern Tauben per Gehirnimplantat und Funkbefehlen. Die fliegenden Biodrohnen tragen Solartechnik und GPS – mit möglichen Einsätzen weit über die Landwirtschaft hinaus.
Ein russisches Unternehmen hat ein System zur Fernsteuerung von Tauben mittels Gehirnimplantaten entwickelt. In einer Demonstration zeigt eine Mitarbeiterin der Firma Neiry, wie eine Taube auf Sprachbefehle reagiert und gezielt verschiedene Positionen anfliegt. Die Steuerung erfolgt durch chirurgisch implantierte Elektroden in den für Bewegung und Orientierung zuständigen Hirnregionen, die per Funk aktiviert werden. Die Tiere tragen einen solarbetriebenen Rucksack mit GPS- und Kommunikationsmodulen, wodurch ihre Position überwacht und ihre Flugrichtung kontrolliert werden kann.
Laut Neiry könnten diese „Biodrohnen“ in der Landwirtschaft oder Logistik eingesetzt werden. Obwohl das Unternehmen als privatwirtschaftlich gilt, erhielt es Finanzmittel aus einem staatlich initiierten Fonds. Zu den Kunden zählen der staatliche Gaskonzern Gazprom und die Stadtverwaltung Moskau, was Fragen nach einer möglichen militärischen Nutzung im Ukraine-Konflikt aufwirft.
Während einige Medien bereits vor „Putins erschreckender Flotte“ warnen, relativiert Florian Schimikowski, wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Spionagemuseums, die Neuartigkeit des Konzepts: „Die Verbindung von Spionagetechnik und Tieren geht sehr lange zurück.“ Bereits im Ersten Weltkrieg wurden Tauben mit automatischen Kameras zur Luftaufklärung eingesetzt.
Tauben als Spione
Der besondere Vorteil von Tauben liegt in ihrem außergewöhnlichen Orientierungssinn. Dr. Brandon Mak von der TU München, der zu Tauben forscht, erklärt: „Zur Navigation können sie möglicherweise Magnetfelder mit empfindlichen Rezeptoren in ihren Augen und Schnäbeln wahrnehmen.“ Diese Fähigkeit machte Brieftauben seit der Antike zu wertvollen Nachrichtenübermittlern. Im Zweiten Weltkrieg setzte der britische Geheimdienst Tauben ein, um Informationen aus besetzten Gebieten zu erhalten, ohne dass die Kommunikation wie Funkwellen abgefangen werden konnte.
Die Verbindung von Tieren und Technik hat ebenfalls Tradition. In den 1960er Jahren experimentierte die CIA mit Katzen als „lebende Wanzen“, ausgestattet mit Mikrofonen, Batterien und Antennen. Vor etwa zehn Jahren entwickelten russische Forscher Mikrochip-Implantate für Ratten zur Sprengstoffdetektion. Dennoch betont Schimikowski: „Wenn die Steuerung der Tauben so funktioniert, wie Neiry angibt, ist das ein neues Level.“
Im Ukraine-Konflikt spielt Spionage eine zentrale Rolle. Die Ukraine nutzt vorwiegend technische Aufklärungsmethoden wie Satellitendaten westlicher Partner, elektromagnetische Signaturerkennung und Drohnenaufklärung. Russland kombiniert moderne Technologie mit klassischer Agententätigkeit. Seit der Krim-Annexion hat Moskau ukrainische Sicherheitsstrukturen infiltriert. Mittlerweile werden sogar über Telegram-Chatbots sogenannte „Wegwerfagenten“ rekrutiert, die für kleine Aufträge mit Kryptowährungen bezahlt werden – ein System, das bei Festnahmen kaum Rückschlüsse auf die Auftraggeber zulässt.
Ethische Bedenken
Die russischen Spionageaktivitäten erstrecken sich auf ganz Europa und die westlichen Verbündeten der Ukraine. „Russland spioniert in Europa, um herauszufinden, wo die Waffenlieferungen herkommen und wie die einzelnen Länder politisch stehen“, erläutert Schimikowski. Dabei beschränkt sich Moskau nicht auf Informationsbeschaffung, sondern greift aktiv ein – etwa durch Brandsätze in DHL-Standorten im Sommer 2024, die laut Ermittlungen auf den russischen Militärgeheimdienst GRU zurückgehen. Auch Drohnenflüge über Bundeswehrkasernen, Desinformationskampagnen und Cyberangriffe gehören zum Repertoire. „Das Vorgehen ist in den letzten Jahren immer aggressiver geworden“, so Schimikowski. Die westlichen Unterstützer der Ukraine seien dadurch längst Teil eines hybriden Krieges.
Neben den sicherheitspolitischen Aspekten wirft das Projekt ethische Fragen auf. Neiry betont zwar, für das Wohlergehen der Tiere zu sorgen, doch unabhängige Bewertungen fehlen. Taubenforscher Mak zeigt sich schockiert: „Tiere haben keine Möglichkeit, einer solchen Praxis zuzustimmen.“ Bei regelmäßigen Flügen über große Distanzen würden die meisten Tauben vermutlich an Erschöpfung sterben. „Technologie sollte den Einsatz lebender Tiere ersetzen und nicht umgekehrt.“
Für die Verschmelzung von Lebewesen und Technik existieren bislang keine einheitlichen internationalen Regelungen. Während in der EU Tierschutzrichtlinien greifen würden, sind Tiere in der wissenschaftlichen Forschung in Russland davon ausgenommen.
Immerhin verabschiedete die UNESCO, der auch Russland angehört, Ende 2025 erste globale Empfehlungen zur Ethik der Neurotechnologie bei Menschen, die geistige Integrität, Transparenz und Einwilligung betonen.