Keine Artikel gefunden
Versuche einen anderen Suchbegriff
INTERVIEW

Korinna Schumann: „Wir können es uns nicht leisten, Talente zurückzulassen“

Korinna Schumann: „Wir können es uns nicht leisten, Talente zurückzulassen“
Fotos: KOSMO
4 Min. Lesezeit |

Österreich steht vor großen Herausforderungen: Fachkräftemangel, demografischer Wandel und ein Gesundheitssystem am Limit. Bundesministerin Korinna Schumann spricht im KOSMO-Interview über die neue Fachkräftestrategie, Reformpläne im Sozial- und Gesundheitsbereich und darüber, warum Qualifizierung und Integration entscheidend für die Zukunft des Landes sind.

KOSMO: Österreich startet eine neue Fachkräftestrategie. Welche konkreten Veränderungen sollen Unternehmen und Beschäftigte bereits 2026 spüren?
Bundesministerin Korinna Schumann: Die Fachkräftestrategie ist dringend notwendig, weil wir einen tiefgreifenden Wandel in der Arbeitswelt erleben – durch Digitalisierung und eine älter werdende Gesellschaft. Wir benötigen qualifizierte Fachkräfte, obwohl es gleichzeitig Arbeitslosigkeit gibt. Deshalb setzen wir bereits bei der Ausbildung an, insbesondere bei der Lehre. Hier müssen wir Unternehmen stärker motivieren, Lehrlinge auszubilden.

Zudem wollen wir bestehende Potenziale besser nutzen – etwa bei Frauen, die ihre Arbeitszeit erhöhen könnten, wenn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert wird. Auch die Qualifizierung in späteren Berufsphasen spielt eine zentrale Rolle.


„Ein zentraler Punkt ist die schnellere Nostrifizierung und Anerkennung ausländischer Abschlüsse.“
Foto: KOSMO

Gibt es über 2026 hinaus weitere strategische Schritte?
Korinna Schumann: Ja. Mit der neuen Weiterbildungszeit haben wir bereits begonnen, Menschen ohne formalen Bildungsabschluss gezielt zu qualifizieren – insbesondere im Industriebereich und in enger Abstimmung mit den Sozialpartnern. Ziel ist es, angelernte Arbeitskräfte weiterzuentwickeln und Berufserfahrung stärker anzuerkennen.

Gerade für Menschen mit Migrationshintergrund ist das entscheidend. Angebote wie die Berufsmatura oder modulare Qualifizierungen sollen niederschwellig sein und keine Hürden aufbauen. Jede zusätzliche Qualifikation erhöht die Chancen am Arbeitsmarkt.

Werden auch Anreize für Unternehmen geschaffen?
Korinna Schumann: Ja. Im Rahmen der Weiterbildungszeit erhalten Unternehmen einen Bonus, wenn sie ihre Mitarbeiter während der Qualifizierung finanziell unterstützen. Damit schaffen wir einen klaren Anreiz, in die Weiterbildung zu investieren. Dieses Modell ersetzt die bisherige Bildungskarenz.


„Jede zusätzliche Qualifikation erhöht die Chancen am Arbeitsmarkt.“
Foto: KOSMO

Viele Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten unter ihrer Qualifikation. Wie wollen Sie das strukturell lösen?
Korinna Schumann: Ein zentraler Punkt ist die schnellere Nostrifizierung und Anerkennung ausländischer Abschlüsse. Die Verfahren dauern teilweise zu lange. Wir können es uns nicht leisten, Talente ungenutzt zu lassen – unabhängig davon, woher sie kommen.

Neue Regeln für freie Dienstverträge sollen prekäre Beschäftigung reduzieren. Wie wird das umgesetzt?
Korinna Schumann: Künftig können freie Dienstnehmer in Kollektivverträge einbezogen werden. Zudem wurden Kündigungsfristen klar geregelt. Bei der Erstanmeldung muss die Arbeitszeit angegeben werden, was mehr Transparenz schafft. Das sind wichtige Schritte für bessere Absicherung.

Die Einschränkungen beim geringfügigen Zuverdienst während der Arbeitslosigkeit sorgen für Kritik. Wie verhindern Sie soziale Härtefälle?
Korinna Schumann: Unser Ziel ist es, Menschen in reguläre, abgesicherte Beschäftigungsverhältnisse zu bringen. Geringfügige Jobs erschweren oft die nachhaltige Vermittlung. Es geht darum, stabile Einkommen zu sichern und zu verhindern, dass Saisonkräfte regelmäßig zwischen AMS und kurzfristigen
Beschäftigungen wechseln.

Wann werden Pflegekräfte konkrete Verbesserungen spüren?
Korinna Schumann: Ab dem 1. Jänner 2026 werden Pflegekräfte in die Schwerarbeitsregelung aufgenommen. Das ist ein wichtiges Zeichen der Anerkennung. Gleichzeitig setzen wir auf Digitalisierung, um administrative Aufgaben zu reduzieren und mehr Zeit für die
eigentliche Pflege zu schaffen.

Viele Patientinnen und Patienten klagen über lange Wartezeiten. Welche Maßnahmen bringen kurzfristig Entlastung?
Korinna Schumann: Wir arbeiten gemeinsam mit Ländern und Gemeinden an einer umfassenden Gesundheitsreform. Der Ausbau von Primärversorgungszentren sowie die Weiterentwicklung der Gesundheitshotline 1450 sind zentrale Bausteine. Ziel ist ein modernes, leistungsfähiges und solidarisch finanziertes Gesundheitssystem.

Wenn Sie auf die nächsten fünf Jahre blicken – welche Reform wird die Lebensrealität am stärksten verändern?
Korinna Schumann: Eine nachhaltige Gesundheitsreform, eine neue Sozialhilfe und vor allem bessere Chancen am Arbeitsmarkt durch Qualifizierung. Digitalisierung, Weiterbildung und die stärkere Einbindung von Frauen, insbesondere mit Migrationshintergrund, werden entscheidend sein.

Unabhängiger Journalismus braucht Unterstützung

Guter Journalismus entsteht nicht nebenbei. Gründliche Recherche, sorgfältige Faktenprüfung und eine kritische Einordnung brauchen Zeit, Erfahrung und Ressourcen. Damit wir weiterhin unabhängig berichten können – frei von politischem oder wirtschaftlichem Einfluss – sind wir auf deine Unterstützung angewiesen.

Hilf mit, unabhängigen Journalismus zu sichern.
KO KOSMO-Redaktion
Teilen