Russlands Hinterland steht in Flammen – und selbst Moskau ist nicht mehr sicher. Der Krieg kehrt zurück, wo er nicht erwartet wurde.
Die anhaltenden ukrainischen Fernangriffe auf Städte tief im russischen Hinterland belegen nach Einschätzung des Instituts für Kriegsstudien (ISW), „dass Russland nicht in der Lage ist, die großen Städte und Infrastruktureinrichtungen des europäischen Teils Russlands zuverlässig gegen Drohnen- und Raketenangriffe zu verteidigen“. In den vergangenen Wochen haben die ukrainischen Streitkräfte ihre Langstreckenoperationen deutlich ausgeweitet und dabei eine Reihe russischer Großstädte ins Visier genommen.
Neben der Hauptstadt Moskau wurden auch Tscheljabinsk, Jekaterinburg, Primorsk, Ust-Luga, Tuapse und Noworossijsk getroffen. Die Angriffe hätten in zahlreichen russischen Städten „erheblichen Schaden“ angerichtet, hält das ISW in seiner jüngsten Lageeinschätzung fest.
Gezielte Infrastrukturangriffe
Das ukrainische Militär meldete am 5. Mai, dass in der Nacht eine Ölraffinerie des russischen Unternehmens „KINEF“ bei Kirischi im Gebiet Leningrad angegriffen worden sei. Die Anlage zählt zu den größten Raffinerien des Landes und verarbeitet jährlich rund 20 Millionen Tonnen Rohöl.
Ebenfalls attackiert wurde das Werksgelände „JSC VNIIR-Progress“ bei Tscheboksary in der Republik Tschuwaschien. Dort werden laut ISW Komponenten hergestellt, die für das russische Militär von erheblicher Bedeutung sind – konkret handelt es sich um Empfänger für elektronische Kriegsführung sowie Antennen für satellitengestützte Navigationssysteme, die in russischen Drohnen und Raketen zum Einsatz kommen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, dass bei den Angriffen Marschflugkörper vom Typ F-5 „Flamingo“ eingesetzt wurden. Geolokalisiertes Videomaterial aus dem Bereich des VNIIR-Progress-Werks dokumentiert die Einschläge von sechs ukrainischen Flamingos sowie Kampfdrohnen des Typs An-196 „Lyutyi“. Tscheboksary liegt rund 1.000 Kilometer hinter der Front und gleichzeitig nur etwa 300 Kilometer von der Sonderwirtschaftszone Alabuga in der Republik Tatarstan entfernt – einem bedeutenden Industrie- und Produktionsstandort, wo Russland einen Großteil seiner Drohnen vom Typ „Shahed“ fertigt, die es gegen die Ukraine einsetzt.
Putins Realitätsverweigerung
Selbst der Kreml muss inzwischen einräumen, dass das russische Militär das eigene Hinterland nicht mehr zuverlässig gegen die wachsende Reichweite ukrainischer Angriffe absichern kann. Vor diesem Hintergrund seien auch die jüngsten russischen Drohungen mit Vergeltungsmaßnahmen wegen angeblich geplanter Angriffe auf Moskau am „Tag des Sieges“ am 9. Mai zu verstehen, urteilt das ISW: „Russlands Drohung […] spiegelt die Erkenntnis des russischen Präsidenten Wladimir Putin wider, dass er diese tief im Hinterland gelegenen Gebiete, einschließlich seiner Hauptstadt, nicht zuverlässig vor ukrainischen Angriffen schützen kann.“
Dass Putin dennoch auf der Abhaltung der großen Parade besteht – erstmals ohne den sonst üblichen Aufmarsch von Panzern und Raketen –, zeige laut den amerikanischen Analysten zugleich, dass er nicht bereit sei anzuerkennen, dass die Ukraine den Krieg auf russisches Territorium zurückgetragen hat. Die Zahl der Toten und Verwundeten nähert sich einem Prozent der russischen Gesamtbevölkerung von 144,4 Millionen Menschen. Parallel dazu wächst die finanzielle Last des Krieges für die Bevölkerung, während der Kreml seine Zensurmaßnahmen und Einschränkungen beim mobilen Internet weiter verschärft.
Das erzeugt selbst in jenen Kreisen Unmut, die Putin bislang bedingungslos unterstützt haben: Ein Teil seiner Kernwählerschaft aus dem Lager der russischen Ultranationalisten kritisiert den Kreml und zunehmend auch Putin persönlich offen dafür, diese Realität nicht wahrhaben zu wollen.
Das abschließende Urteil des ISW fällt eindeutig aus: „Putin weigert sich, die Realität der zunehmenden ukrainischen Angriffe auf große russische Städte im tiefen Hinterland zu akzeptieren, und die Russen tragen infolgedessen zunehmend die Kosten seines Krieges.“