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Spracherhalt

Zwischen zwei Sprachen: Warum Kinder immer öfter Deutsch wählen

Zwischen zwei Sprachen: Warum Kinder immer öfter Deutsch wählen
(Symbolbild FOTO: iStock)
4 Min. Lesezeit |

Verstehen ja, sprechen nein – für viele Diaspora-Kinder ist die Herkunftssprache eine stille Begleiterin.

Zahlreiche Kinder aus der Balkan-Diaspora beherrschen Bosnisch, Kroatisch oder Serbisch auf der Rezeptionsebene durchaus gut – doch wenn sie selbst das Wort ergreifen sollen, greifen sie fast reflexartig zum Deutschen. Am 25. Juli wurde in Petrovac na Mlavi ein neues Kultur- und Bildungscamp für Kinder und Jugendliche aus der Diaspora sowie aus der Region selbst eröffnet. In Workshops lernen die Teilnehmer die serbische Sprache, Geschichte und Kultur kennen.

Auf dem Programm stehen außerdem Folklore und traditionelle Tänze aus der Region Homolje. Nach Angaben der serbischen Regierung sollen derartige Camps den Kindern vermitteln, dass Serbien für sie nicht nur ein Land familiärer Herkunft ist, sondern ein Ort, zu dem sie immer wieder zurückfinden können. Zugleich wurden weitere Investitionen in Angebote für junge Menschen aus der Diaspora in Aussicht gestellt.

Alltag entscheidet

Hinter dieser offiziellen Initiative verbirgt sich eine Entwicklung, die vielen Familien in Österreich aus dem eigenen Alltag vertraut ist: Die Eltern sprechen Bosnisch, Kroatisch oder Serbisch, die Kinder folgen jedem Satz mühelos – wechseln beim Antworten aber ins Deutsche. Kindergarten, Schule, Sportverein, soziale Netzwerke und Freundschaften sind vom Deutschen geprägt. Selbst Geschwister, die mit den Eltern noch in der Herkunftssprache kommunizieren, sprechen untereinander oft Deutsch.

Internationale Studien zur Weitergabe von Herkunftssprachen belegen ähnliche Muster: Kinder lenken Gespräche mitunter gezielt in die gesellschaftlich dominante Sprache. Besonders deutlich zeigt sich das in der Kommunikation mit Gleichaltrigen und Geschwistern.

Akzeptieren Eltern die deutschen Antworten und führen das Gespräch anschließend selbst auf Deutsch weiter, verliert die Herkunftssprache schrittweise ihren aktiven Stellenwert im Leben des Kindes. Der passive Wortschatz bleibt zwar erhalten, doch Satzbau, Aussprache und die Fähigkeit, spontan zu erzählen, bauen sich mit der Zeit ab. Einige Wochen Sommerurlaub bei den Großeltern können einen positiven Beitrag leisten, reichen als alleinige Maßnahme aber selten aus.

Untersuchungen bestätigen zwar, dass Aufenthalte im Herkunftsland die Sprachkompetenz verbessern können – ausschlaggebend bleibt jedoch, wie regelmäßig und in wie vielen verschiedenen Situationen die Sprache im Wohnland eingesetzt wird. Kinder benötigen Gelegenheiten, in denen die Herkunftssprache nicht als Pflicht empfunden wird. Dazu zählen Gespräche mit Großeltern, gemeinsame Spiele, Bücher, Filme, Musik, Vereinsaktivitäten und der Kontakt zu Gleichaltrigen.

Entscheidend ist dabei vor allem, dass das Kind selbst aktiv sprechen muss. Ein Video auf Serbisch oder Kroatisch bietet zwar sprachliche Eindrücke, ersetzt aber kein Gespräch, in dem das Kind Fragen formuliert, Geschichten wiedergibt oder ein Problem in Worte fasst.

Förderung ohne Druck

Dauerhaftes Korrigieren kann dabei eher schaden als nützen. Wer bei jedem Grammatikfehler oder eingeschobenen deutschen Wort unterbrochen wird, verliert rasch die Freude am Sprechen. Wirkungsvoller ist es häufig, den Satz in korrekter Form aufzugreifen und das Gespräch ohne Tadel weiterzuführen.

In Österreich ist Erstsprachenunterricht grundsätzlich im Schulsystem verankert. Das Bildungsministerium stellt Lehrpläne und Anmeldeinformationen für Bosnisch, Kroatisch und Serbisch sowie weitere Sprachen zur Verfügung. Österreichweit unterrichten rund 400 Lehrkräfte mehr als 25 Erstsprachen; insgesamt nehmen mehr als 30.000 Schülerinnen und Schüler entsprechende Angebote wahr.

Ob ein Kurs an einem bestimmten Standort tatsächlich eingerichtet wird, hängt allerdings von der jeweiligen Schule, der Nachfrage und dem verfügbaren Lehrpersonal ab. Eltern wird empfohlen, sich direkt bei der Schule oder der zuständigen Bildungsdirektion zu erkundigen.

Ergänzend dazu gibt es in Wien und anderen Städten Kulturvereine, Religionsgemeinschaften und private Sprachschulen. Weniger entscheidend ist, für welches Modell sich eine Familie entscheidet – wichtiger ist, ob die Sprache regelmäßig und in positiver Atmosphäre erlebt wird. Eltern stehen dabei vor keiner Entweder-oder-Entscheidung zwischen gutem Deutsch und gutem Bosnisch, Kroatisch oder Serbisch.

Die Herkunftssprache beeinträchtigt die Entwicklung des Deutschen nicht. Schwierig wird es vielmehr dann, wenn Sprache ausschließlich mit Druck, Fehlern und dem unausgesprochenen Anspruch verknüpft wird, die eigene Identität unter Beweis stellen zu müssen. Kinder sprechen eine Sprache häufiger und lieber, wenn sie ihnen Beziehungen, Freude und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit ermöglicht.

Das neue Camp in Serbien kann für manche Teilnehmer genau eine solche Erfahrung bieten. Einige Wochen sind jedoch allenfalls ein Anstoß.

Ob eine Sprache langfristig lebendig bleibt, entscheidet sich vor allem im Alltag – beim Frühstücksgespräch in Wien, beim Telefonat mit der Großmutter und bei der Frage, in welcher Sprache Eltern und Kinder einander ihre Geschichten erzählen.

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KO KOSMO-Redaktion
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