Offiziell isoliert, inoffiziell umworben: Fünf Jahre nach der Taliban-Machtübernahme verändert sich das globale Verhältnis zu Kabul spürbar.
Fünf Jahre nach der Rückkehr der Taliban an die Macht in Afghanistan zeichnet sich in der internationalen Gemeinschaft ein bemerkenswerter Kurswechsel ab. Eine formelle Anerkennung der Kabul-Regierung lehnen die meisten Staaten nach wie vor ab – doch diplomatische Kontakte, wirtschaftliche Beziehungen und direkte Verhandlungen nehmen stetig zu. Russland hat die Taliban-Regierung am 4. Juli 2025 als erstes Land offiziell anerkannt.
Besonders die Nachbarstaaten Afghanistans verfolgen dabei einen zunehmend pragmatischen Kurs. Delegationen aus China, der Türkei, Saudi-Arabien, Japan und Großbritannien haben bereits Gespräche in Kabul geführt, und auch die zentralasiatischen Staaten Tadschikistan, Turkmenistan, Kirgisistan, Usbekistan und Kasachstan intensivieren ihre Kontakte zur Taliban-Führung. Die Motive dahinter sind nicht ausschließlich politischer Natur.
Wachsender Pragmatismus
Für mehrere dieser Länder könnte Afghanistan künftig als bedeutende Transitroute zu internationalen Häfen dienen. Gleichzeitig bemüht sich die Taliban-Regierung aktiv darum, ausländische Investoren für Infrastrukturvorhaben und den bislang kaum erschlossenen Rohstoffsektor zu gewinnen – vor allem Unternehmen aus China und anderen asiatischen Staaten zeigen Interesse. Die fehlende internationale Anerkennung bleibt dabei jedoch ein erhebliches Hindernis für größere Investitionen.
Der wachsende Pragmatismus bedeutet freilich nicht, dass die betreffenden Regierungen die Taliban politisch unterstützen. Vielmehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass zahlreiche regionale Herausforderungen – darunter Handelsfragen, Sicherheitskooperation, Migration und die Bekämpfung des Drogenschmuggels – ohne direkte Gespräche mit den Machthabern in Kabul kaum bewältigbar sind. Besonders augenfällig wird dieser Wandel beim Thema Migration: Im Jänner kamen Vertreter der Taliban in Brüssel mit der Europäischen Kommission sowie Delegierten aus 15 EU-Mitgliedstaaten zusammen.
Im Zentrum der Gespräche stand die Rückführung afghanischer Staatsangehöriger, deren Asylanträge in Europa abgelehnt wurden beziehungsweise die kein gültiges Aufenthaltsrecht mehr besitzen. Damit bewegt sich Europa in einem politischen Spannungsfeld: Die EU verweigert den Taliban weiterhin die diplomatische Anerkennung, ist für die tatsächliche Durchführung von Abschiebungen nach Afghanistan aber auf deren Kooperation angewiesen. Die Kontakte werden daher offiziell vorrangig als technische und praktische Zusammenarbeit eingestuft.
Menschenrechtliche Hindernisse
Einer vollständigen internationalen Normalisierung steht vor allem die Menschenrechtslage im Weg. Mädchen haben in Afghanistan nach wie vor keinen Zugang zu weiterführenden Schulen, Frauen sind aus weiten Teilen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen, und der Zugang zu bestimmten Berufsfeldern sowie öffentlichen Einrichtungen wurde massiv beschränkt. Zusätzlichen Druck erzeugte der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag: Im Juli 2025 erließ er Haftbefehle gegen Taliban-Oberhaupt Hibatullah Akhundzada und den Vorsitzenden des afghanischen Obersten Gerichts, Abdul Hakim Haqqani.
Auch Indien nähert sich Kabul behutsam an. Neu-Delhi ermöglichte zuletzt unter anderem eine Ausnahme von internationalen Sanktionen, um Taliban-Außenminister Amir Khan Muttaqi einen Besuch des Landes zu ermöglichen. Indische Vertreter bei den Vereinten Nationen in New York stellten darüber hinaus offen die Frage, ob das bestehende Sanktionsregime noch der politischen Realität Afghanistans gerecht wird.
Indische Vertreter bei den Vereinten Nationen in New York stellten darüber hinaus offen die Frage, ob das bestehende Sanktionsregime noch der politischen Realität Afghanistans gerecht wird.