Brasilien steht vor einer historischen Richtungsentscheidung und die Ausgangslage für die Stichwahl könnte kaum knapper sein.
Brasiliens Präsidentschaftswahl ist in ihre entscheidende Phase eingetreten: Nachdem weder Flavio Bolsonaro noch der amtierende Präsident Luiz Inácio Lula da Silva im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen konnte, fällt die Entscheidung über das höchste Staatsamt nun am 25. Oktober in einer Stichwahl.
Bolsonaro, Senator und Sohn des wegen Beteiligung an einem versuchten Staatsstreich zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilten früheren Präsidenten Jair Bolsonaro, erzielte im ersten Durchgang rund 47 Prozent der Stimmen. Lula da Silva kam auf etwa 45 Prozent. Rund 159 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen, aus insgesamt zwölf Kandidatinnen und Kandidaten zu wählen – neben dem Präsidentenamt wurden auch Parlamentssitze sowie Gouverneursposten vergeben.
Die Liberale Partei von Bolsonaro errang dabei die meisten Sitze im Senat. Auch Michelle Bolsonaro, die frühere First Lady, zog als gewählte Senatorin für den Bundesdistrikt Brasília ins Oberhaus ein, ebenso wie Carlos Bolsonaro, der einen Senatssitz im südbrasilianischen Bundesstaat Santa Catarina gewann.
Reaktionen der Kandidaten
Bolsonaro wertete sein Abschneiden als klares Signal der Bevölkerung für einen politischen Kurswechsel. „Brasilien will Veränderung“, erklärte er nach Bekanntgabe der Ergebnisse. Zugleich zeigte er sich zuversichtlich für die bevorstehende Stichwahl: „Ich bin sehr zufrieden und sehr glücklich über die Aussicht, dass Brasilien in drei Wochen eine endgültige Entscheidung treffen kann.“
Lula da Silva, den das Ergebnis des ersten Wahlgangs sichtlich überraschte, gab sich dennoch kämpferisch: „Das Spiel beginnt. Wir sind in der Verlängerung.“
Historische Ausgangslage
Historisch betrachtet spricht die Ausgangslage für Bolsonaro: Seit der Einführung direkter Präsidentschaftswahlen in Brasilien im Jahr 1989 hat stets jener Kandidat die Stichwahl für sich entschieden, der bereits im ersten Wahlgang in Führung lag. Inhaltlich trennen die beiden Kontrahenten grundlegende politische Vorstellungen: Bolsonaros Liberale Partei tritt für einen schlanken Staat und eine konsequentere Kriminalpolitik ein, während Lula da Silva auf Sozialprogramme und staatliche Investitionen setzt.