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Sprachensterben

Alle zwei Wochen stirbt eine Sprache – für immer und auch auf dem Balkan

Alle zwei Wochen stirbt eine Sprache – für immer und auch auf dem Balkan
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5 Min. Lesezeit |

Jede zwei Wochen stirbt eine Sprache aus – und mit ihr ein Stück Menschheitsgeschichte, das niemand zurückbringen kann.

Nahezu die Hälfte aller Sprachen, die heute noch auf der Welt gesprochen werden, steht vor dem Aussterben – und mit ihnen gehen Kulturen, Überlieferungen und ganze Weltbilder verloren. Bleibt entschlossenes Handeln aus, könnte sich die Rate des Sprachensterbens in den kommenden vier Jahrzehnten verdreifachen. Datenbanken wie Ethnologue dokumentieren einen kaum fassbaren kulturellen Reichtum: Mehr als 7.000 lebende Sprachen sind derzeit bekannt. Doch 44 Prozent von ihnen gelten als bedroht, viele davon mit weniger als tausend verbliebenen Sprecherinnen und Sprechern.

Obwohl das Thema weit seltener öffentliche Aufmerksamkeit erhält als etwa der Schutz von Regenwäldern oder die Restaurierung archäologischer Stätten, sind die Dimensionen dieser Krise erschreckend. Während die internationale Gemeinschaft für bedrohte Ökosysteme mobilisiert, fristen jene Linguistinnen und Linguisten, die Minderheitensprachen dokumentieren und zu bewahren versuchen, häufig ein Schattendasein – ohne ausreichende Mittel, ohne breite Anerkennung.

Sprachen und Dialekte auf dem Balkan

Auch auf dem Balkan zeigt sich, dass sprachliche Vielfalt nicht selbstverständlich erhalten bleibt. Während das Štokavische als Grundlage mehrerer heutiger Standardsprachen – darunter Serbisch, Kroatisch, Bosnisch und Montenegrinisch – nicht als gefährdet gilt, stehen kleinere Dialekte und regionale Sprachformen deutlich stärker unter Druck. Das Torlakische, das in Teilen Südostserbiens, Bulgariens und Nordmazedoniens gesprochen wird, gilt laut UNESCO als gefährdete Sprachform. Auch Čakavisch, das vor allem an der kroatischen Adriaküste verbreitet ist, wird international als bedroht eingestuft. Der Grund ist meist derselbe: Junge Menschen wachsen zunehmend mit Standardsprache, Schule, Medien und Migration auf, während lokale Dialekte im Alltag seltener weitergegeben werden. Gerade deshalb werden Dialekte wie Čakavisch, Kajkavisch und regionale Sprechweisen in Kroatien inzwischen stärker dokumentiert und als immaterielles Kulturerbe geschützt.

Globale Homogenisierung

Der Hintergrund ist die fortschreitende globale Homogenisierung. Englisch, Mandarin und Spanisch dominieren den Sprachraum der Welt – laut Ethnologue hat 88 Prozent der Weltbevölkerung eine von gerade einmal 20 Sprachen als Muttersprache. Das Narrativ vom Einheitsstaat mit einer Einheitssprache verleitet dazu, die Sprachrealität zu vereinfachen: In Frankreich wird Französisch gesprochen, in China Mandarin – und dabei werden Dutzende, mitunter Hunderte regionaler Sprachen schlicht übersehen, deren Sprecherinnen und Sprecher teils aktiver Verfolgung ausgesetzt waren, Schulverbote erlitten oder gesellschaftliche Stigmatisierung erfahren haben.

Manche Gemeinschaften – etwa die Waliser oder die Māori – verfügen über politische Strukturen, die den Schutz ihrer Sprache ermöglichen. Viele andere haben dieses Glück nicht. Das Fortbestehen einer Sprache gegenüber einer dominanteren zu sichern, erfordert enormen Willen und erhebliche Ressourcen – beides fehlt zahlreichen Gemeinschaften schlicht.

Der Verlust einer Sprache ist dabei weit mehr als das Verschwinden von Wörtern. Er bedeutet die Auslöschung einzigartiger Weltsichten und überlieferten Wissens. Studien bedrohter Sprachen zeigen immer wieder, dass indigene Völker Pflanzen und Tiere – von Knollen bis zu Delfinarten – identifiziert und klassifiziert haben, lange bevor die westliche Wissenschaft überhaupt auf sie aufmerksam wurde.

Sprachrechte und Menschenrechte sind dabei eng miteinander verwoben. Eine Untersuchung in Kanada ergab, dass in Gemeinschaften, in denen mehr als die Hälfte der Mitglieder in ihrer Muttersprache kommunizieren kann, die Suizidrate unter Jugendlichen verschwindend gering oder gar nicht vorhanden war – in Gruppen ohne diese sprachliche Verankerung lag sie sechsmal höher. Auch eine australische Regierungsstudie aus dem Jahr 2012 kam zu dem Schluss, dass indigene Sprachen für die Gesundheit der betroffenen Gemeinschaften so zentral sind, dass ihre verfassungsrechtliche Anerkennung empfohlen wurde. Vierzehn Jahre später erkennt die australische Verfassung nach wie vor ausschließlich Englisch an.

Hoffnungsvolle Ansätze

Trotz dieses düsteren Befundes gibt es Ansätze, die Hoffnung machen. Linguistinnen und Linguisten stehen dabei oft an vorderster Front – wie etwa Georges Dumézil, der jahrzehntelang nach Sprechern des Ubychischen suchte. Seine Zusammenarbeit mit Tevfik Esenc förderte Erstaunliches zutage: Ubychisch verfügt über mehr als 80 Konsonanten, aber nur drei Vokale – eine Sprache an den äußersten Grenzen des sprachlich Möglichen.

Auf internationaler Ebene hat die UNO die Dekade der indigenen Sprachen für den Zeitraum 2022 bis 2032 ausgerufen, um Ressourcen für deren Erhalt zu bündeln. In Europa soll die Charta der Regional- oder Minderheitensprachen besseren Schutz gewährleisten – doch zahlreiche Länder haben sie bis heute nicht ratifiziert, darunter Frankreich und Italien. Auch die Technologie erweist sich zunehmend als Verbündete: Smartphone-Apps und Plattformen wie „FirstVoices“, eine kanadische Initiative zur Dokumentation indigener Sprachen, helfen jüngeren Generationen dabei, die Sprachen ihrer Vorfahren zu erlernen.

Die Geschichte des Ubychischen steht dabei stellvertretend für viele. Im 19. Jahrhundert sprachen noch Zehntausende Menschen an der Schwarzmeerküste diese Sprache. Als Russland die Region eroberte, leistete das Volk der Ubichen erbitterten Widerstand – bis es schließlich ins Osmanische Reich vertrieben wurde. Traumatisiert und über die Türkei verstreut, hielt die Gemeinschaft ihre Sprache noch bis 1992 am Leben, als Tevfik Esenc, ihr letzter fließender Sprecher, starb. Ubychisch ist eine von mindestens 244 Sprachen, die seit 1950 für immer verstummt sind.

Von Ubychisch bis zum Piacentino – einer Variante des Emilianischen, einem Nachfahren des Vulgärlateins – bietet die Sprachdokumentation zumindest die Chance auf Wiederbelebung. Für andere, wie das australische Walamama, reicht das Überlieferte womöglich nicht mehr aus.

Während diese Zeilen gelesen werden, kämpfen Aktivistinnen und Aktivisten weltweit um rechtliche und kulturelle Anerkennung für Tausende bedrohte Sprachen.

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KO KOSMO-Redaktion
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