Auf den Spuren der größten Südslawen in Wien: Von damals bis heute

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Auf den Spuren der größten Südslawen in Wien: Von damals bis heute

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„Land der Berge“: Vielleicht die größte Ehre und enorme Liebe erwies Paula Preradović diesem Land in wunderschönen Versen, die sogar zur offiziellen Hymne Österreichs wurden. (FOTOS: Screenshot, Wikimedia Commons)

Von Kriegen bis zur Hymne
Die guten Beziehungen zwischen Österreich und dem Balkan waren während der beiden Weltkriege zeitweilig unterbrochen. Aber man darf nicht vergessen, dass während des Weltkriegs noch immer viele Südslawen im Gebiet Österreich-Ungarns lebten. Und natürlich waren da auch die Nachfahren jener Balkaner, die bereits vor Kriegsausbruch zugewandert waren. Ein Beispiel dafür ist die Enkelin des großen Schriftstellers Petar Preradović, Paula. Geboren am 12. Oktober 1887 in Wien verbrachte sie einen großen Teil ihrer Kindheit in Kroatien, in Pula und in Dalmatien. Ihre Ausbildung zur Krankenschwester absolvierte sie in München und verpflichtete sich als freiwillige Helferin im Kriegslazarett der Wiener Universität. Noch während des Krieges heiratete sie 1916 den Diplomaten, Journalisten und Historiker Ernst Molden, den Gründer der Zeitung „Die Presse“. Ziviles Engagement bewies sie auch während des zweiten Weltkriegs, als sie aktives Mitglied des Widerstands gegen den Nationalsozialismus war. Schon von klein auf zeigte Paula Preradović eine Affinität zur Lyrik. Sie gab mehrere Lyriksammlungen und später auch Romane heraus. Auf Bitten des damaligen österreichischen Bildungsministers Felix Hurdes beteiligte sie sich an dem Wettbewerb für den Text der neuen österreichischen Bundeshymne. Ihr Lied „Land der Berge, Land am Strome“ wurde mit kleinen Änderungen am 25. Februar 1947 zum offiziellen Text der österreichischen Hymne erklärt und ist es bis zum heutigen Tag geblieben.

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(FOTO: Wikimedia Commons)

GENDERNEUTRALE BUNDESHYMNE

Im September 2005 ergriff die damalige Frauenministerin Marie Rauch-Kallat (ÖVP) die Initiative zu einem neuen Text für die österreichische Hymne, der Männer und Frauen gleichberechtigt und neutral behandeln sollte. So schlug Rauch-Kallat vor, dass der Vers „Heimat bist du großer Söhne“ in „Heimat bist du großer Töchter, Söhne“ umgeschrieben werden sollte, und statt „Einig lass in Brüderchören, Vaterland, dir Treue schwören“, sollte „Einig lass in freud’gen Chören, Heimatland, dir Treue schwören“ gesungen werden. Damals wurde dieser Vorschlag von den Koalitionsparteien ÖVP und Bündnis Zukunft Österreich abgelehnt. Auch wenn offiziell keine Änderung des Textes zustande kam, setzten sich viele österreichische Intellektuelle und Künstler für die Initiative von Rauch-Kallat ein. Unter ihnen waren auch die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und die große Popsängerin Christina Stürmer. Selbst bei einem offiziellen Auftritt in Österreich konnte man die Version mit Söhnen und Töchtern von den Wiener Sängerknaben interpretiert hören. Es folgte noch eine Reihe von Versuchen, den Text der Hymne zu ändern. Die österreichische Zeitung „Kurier“ engagierte das Meinungsforschungsinstitut OGM in dieser Frage. Dessen Erhebung zeigte, dass 70 Prozent der Befragten die Änderung des Textes ablehnten und 60 Prozent dagegen waren, eine ganz neue Hymne zu wählen. Nach langen Diskussionen innerhalb der politischen Szene und in der Gesellschaft wurde der Antrag auf die Änderung des Textes in der Parlamentssitzung vom 22. November 2011 angenommen und seit dem 1. Januar 2012 lauten die oben zitierten Verse offiziell „Heimat bist du großer Töchter und Söhne“ und „Einig lass in Jubelchören…“.

Die Gastarbeiter und der Krieg in Jugoslawien
Wenn sich die vorherigen Seiten auch nur auf die großen balkanischen Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts beziehen, darf man doch keineswegs die Rolle der Südslawen in der sogenannten zweiten Republik, d.h. nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, vergessen. Denn auch hier gab es große Momente. Einige der wichtigsten Persönlichkeiten brachten diejenigen, die bereits vor den Weltkriegen gekommen waren, und ihre Nachfahren hervor. Zu einer neuen Migrationswelle aus Jugoslawien kam es dann in den 60-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, nachdem Österreich eine Vereinbarung mit dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei geschlossen hatte. Mit Abschluss dieses Vertrags wurde es für österreichische Unternehmen möglich, ihren Mangel an Arbeitskräften dadurch auszugleichen, dass sie „Gastarbeiter“ aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei zur vorübergehenden Arbeit einluden. Der Staat Österreich erwartete, dass diese Arbeitskräfte aus dem Süden Europas nur vorübergehend hier sein und zyklisch durch neue Arbeiter ersetzt werden würden, doch dazu kam es nicht. Immer mehr von ihnen entschieden sich, hier zu bleiben und weitere Familienmitglieder aus der alten in die neue Heimat Österreich nachzuholen. In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts brach im ehemaligen Jugoslawien der Krieg aus und viele Bürger waren gezwungen, ihre Häuser zu verlassen und sich als Flüchtlinge auf den Weg in den Westen zu machen. Viele von ihnen, zumeist Menschen aus Bosnien-Herzegowina, suchten in Österreich Zuflucht. Auch wenn einige zurückkehrten, so fanden doch die meisten hier ein neues Zuhause und integrierten sich in alle Sphären der österreichischen Gesellschaft.

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Vom Kriegsflüchtling aus B-H über internationale rechtswissenschaftliche Fakultäten bis zu unserer ersten Abgeordneten im österreichischen Parlament – das ist der beeindruckende Weg der jungen Politikerin Alma Zadić. (FOTO: Liste Pilz)

Neue Hoffnungen der Balkangemeinschaft
Natürlich sind auch aus der Gemeinschaft der Südslaven, die mit den beschriebenen Migrationswellen nach Österreich kamen, sowie unter denen, die in jüngerer Zeit als Studenten eingereist sind, große oder potentiell große Namen balkanischer Intellektueller hervorgegangen. Darunter zum Beispiel Silvana Meixner, die einen großen Beitrag zur Gründung der Minderheitenredaktion im ORF geleistet hat. Aber auch in der Politik findet man immer häufiger balkanische Namen: So hat sich Ahmed Husagić in der SPÖ ebenso erfolgreich etabliert wie Konstantin Dobrilović in der FPÖ. Aber ein besonderer Platz unter ihnen gebührt Alma Zadić (Liste Jetzt). Geboren in Bosnien-Herzegowina kam sie während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien als Flüchtling nach Österreich. Nach einer erfolgreichen Anwaltskarriere in international bekannten Kanzleien wurde Zadić im November 2017 als erste Abgeordnete mit balkanischen Wurzeln ins österreichische Parlament gewählt. Neben dem Journalismus und der Politik erscheinen balkanische Namen auch unter den Wissenschaftlern der Wiener Universität und anderen Institutionen. Einer von ihnen ist Mihailo Popović, Historiker an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er hat unlängst ein Projekt ins Leben gerufen, das die Digitalisierung der Geschichte von Leben und Arbeit der Serben in Wien zum Ziel hat, um all ihre Spuren an einem Ort, in einem online-Portal zusammenzuführen. Und wer weiß, vielleicht werden morgen oder übermorgen weitere Straßen nach heutigen Südslawen benannt. Eines ist auf jeden Fall sicher: Die Zeit der großen Balkaner in Österreich war mit dem Zerfall der Monarchie nicht zu Ende.

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Der gebürtige Wiener hatte seine ersten Berührungspunkte mit Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien hatte der gebürtige Wiener bereits im Teenageralter. Ihre Sprache faszinierte ihn sehr schnell und die Liebe zum Balkan führte ihn bis zum Abschluss des Studiums der Slawistik (B/K/S). Heute ist er ein hervorragender Kenner der Balkangeschichte, der südslawischen Sprachen sowie der kleinsten kulturellen Nuancen der bosnischen, kroatischen und serbischen Dialekte. Mit einem kritischen Blick auf dem Balkan, schreibt er seine Texte aus einer besonderen, transslawischen, internationalen Perspektive, und seine Kritik lässt niemanden unberührt.