Keine Artikel gefunden
Versuche einen anderen Suchbegriff
BALKAN

Balkan Stories: Peron 1, Bahnhof Mostar

Balkan Stories: Peron 1, Bahnhof Mostar
(FOTO: Balkan Stories)
9 Min. Lesezeit |
(FOTO: Balkan Stories)

Busunternehmer, Autos und Spritpreise

Dass in den meisten Fällen der Bus deutlich schneller ist als die Bahn, und dass es viel mehr Busverbindungen als Bahnfahrten gibt, hat miteinander zu tun.

„Die Busmafia hat die Politik im Griff“, kommentiert mein alter Freund Dule.

Buslinien waren während der kapitalistischen Restauration so ziemlich das Erste, das in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens privatisiert wurde.

Hunderte private Buslinien gibt es mittlerweile, von ganz groß bis ganz klein, und es gibt niemanden, der ihre Leistungen koordiniert.

Das führt zu völlig absurden und unnötigen Fahrten, die Gegenstand einer Geschichte in der näheren Zukunft sein werden. Ein wirklich funktionierendes Busnetz gibt es allenfalls in Slowenien.

Und es führt dazu, dass sehr viele Unternehmer kleine bis große Gewinne machen – von denen manche einen Teil in die Politik, nun ja, nennen wir’s investieren.

Politisch Verantwortliche können sich anhand der vielen Busverbindungen zurücklehnen und sagen: Na, seht: Wir haben ja eh viel öffentlichen Verkehr, was wollt ihr denn?

Es lässt sich auch nicht leugnen, dass kurzfristig der Ausbau des Busverkehrs deutlich günstiger ist als der eines Bahnnetzes.

Die Nachfolgestaaten Jugoslawiens schwimmen bekanntermaßen nicht im Geld. Die knappen öffentlichen Mittel müssen dort ausgegeben werden, wo sie unmittelbar die größte Wirkung entfalten.

Freilich, selbst in Bosnien sollte das Geld reichen, damit zwei vorhandene moderne Zuggarnituren mehr als zwei Mal pro Tag zwischen Sarajevo und Mostar fahren, und pro Garnitur nur knapp sieben Stunden pro Tag im Einsatz sind.

Außerdem stellt die EU den Nachfolgestaaten Jugoslawiens bis zu 700 Millionen Euro an Co-Finanzierung für Ausbau und Erneuerung des Bahnnetzes zur Verfügung.

Lokale Entscheidungsträger scheinen das als Einladung zu verstehen, die Hand aufzuhalten, wie diese Reportage aus dem Jahr 2021 nahelegt. Das beschleunigt die Sache nicht unbedingt.

Funktionierende Bahnnetze bringen Autos von der Straße. Das ist nicht nur angesichts des Klimawandels ein Gewinn. Gute Verkehrsverbindungen bringen langfristig Wohlstand.

Passiert ist in den vergangenen Jahrzehnten das Gegenteil. Die Menschen wurden zum Autofahren gezwungen. Der öffentliche Verkehr außerhalb der größeren Städte ist einzig für die Menschen gedacht, die sich keines leisten können.

Entsprechend überlastet sind die meisten Straßen.

Die Realität im ehemaligen Jugoslawien widerlegt auch die Überlegungen grün angehauchter westlicher Politiker und Aktivisten, hohe Spritpreise würden die Menschen schon dazu bringen, weniger zu fahren.

Benzin und Diesel sind in diesem Teil der Welt wenn überhaupt nur unwesentlich billiger als etwa in Österreich oder Deutschland.

Gemessen am Einkommen ist Treibstoff zwischen drei- und fünf Mal so teuer wie in den reicheren EU-Staaten.

Die Leute fahren trotzdem wie verrückt. Sie haben kaum Alternativen.

Wer sie von der Straße bringen will, sollte das Bahnnetz ausbauen. Was angesichts der Realität wie ein frommer Wunsch klingt.

Balkan Stories, Christoph Baumgarten

Christoph Baumgarten ist Journalist und Balkanreisender aus Leidenschaft. Seit 2015 verbindet er beide Leidenschaften auf seinem Blog Balkan Stories. Dort versucht er, Geschichten zu erzählen, für die es in größeren Medien meist keinen Platz gibt und stellt die Menschen in den Mittelpunkt.

Mehr von Christoph könnt ihr unter balkanstories.net nachlesen.

Unabhängiger Journalismus braucht Unterstützung

Guter Journalismus entsteht nicht nebenbei. Gründliche Recherche, sorgfältige Faktenprüfung und eine kritische Einordnung brauchen Zeit, Erfahrung und Ressourcen. Damit wir weiterhin unabhängig berichten können – frei von politischem oder wirtschaftlichem Einfluss – sind wir auf deine Unterstützung angewiesen.

Hilf mit, unabhängigen Journalismus zu sichern.
KO KOSMO-Redaktion
Teilen