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KOMMENTAR

Balkan Stories: Wenn Amateure eine Reise planen. Ein Rant

(FOTO: zVg.)

Als regelmäßiger Balkanreisender ist man regelmäßig mit den Reiseplänen von Amateuren konfrontiert. Dieser Menschenschlag will alles und nichts zugleich. Man fragt sich, warum diese Leute überhaupt reisen wollen.

Ein Italiener plant eine Woche in Bosnien. Löblich. Sein Reiseplan: Ambitioniert. Um es höflich zu sagen.

Am ersten Tag der Una Nationalpark.

Am zweiten Tag Jajce.

Am dritten Tag Travnik und Sarajevo. Wenigstens mit Übernachtung.

Am fünften Tag Mostar, mit vorherigem Aufenthalt in Blagaj.

Am letzten Tag Rückreise nach Italien.

Das ist noch eine der rationaleren Urlaubsplanungen, die einem in diversen Balkanreiseforen begegnen.

Sein Highlight werden Ćevape bei Željo in der Baščaršija sein, ein Selfie vor der Ewigen Flamme geht sich aus, und einmal wird er’s über die Stari Most in Mostar schaffen. Mehr ist nicht drin.

Man fragt sich, was der Mann überhaupt sehen will. Oder gar kennenlernen. Man hofft nur, dass er mit dem Auto unterwegs ist. Mit dem Bus bleibt ihm noch weniger Zeit.

Ein Amerikaner plant: Sarajevo, Bajina Bašta, Užice, den Nationalpark Tara, Prishtina und Skopje. Das innerhalb von zehn Tagen.

Das geht grundsätzlich – selbst mit der ungefähr zwölf Stunden dauernden Busfahrt vom Nationalpark nach Prishtina.

Nur, viel Zeit bleibt da nicht. Zwei Tage pro Ort. Aus. Ende.

Natürlich, diese Leute haben wenig Zeit, und in der Zeit wollen sie möglichst viel sehen. Nur, wer alles sehen will, sieht nichts.

Du kommst an, packst in deinem Quartier aus, wenn du Glück hast, gibt’s am Nachmittag eine Tour durch den Ort, an dem du gerade bist, am zweiten Tag schaffst du bestenfalls die halben Sehenswürdigkeiten, und am nächsten Tag bist du wieder im Bus. Das Spiel geht von vorne los.

Erleben wirst du da nichts. Die Kultur der Region lernst du so nicht kennen. Du fährst mit ein paar Klischees nachhause.

Beide Reisepläne zählen noch zu den weniger ambitionierten unter denen, die einem unterkommen.

Es gibt Leute, die wollen 20 Orte in drei Ländern in zwei Wochen zwingen, am besten noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Offenbar haben sie keine Ahnung, wie lange Busfahrten mit Grenzkontrollen dauern können. Und keine Ahnung, wie schlecht es um den öffentlichen Verkehr in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens bestellt ist.

Viele dieser Reisepläne wären schon unter westeuropäischen Bedingungen, mit funktionierenden Öffis und ohne Grenzkontrollen, ein Durchhetzen.

Wahrscheinlich haben diese Leute auch keine Ahnung, was sie überhaupt in den Ländern wollen, in die sie reisen.

Es wird nicht besser dadurch, dass enthusiasmierte Einheimische ihnen auch noch diesen und jenen Ort aufs Aug drücken wollen – der zweifellos schön ist, für den aber schlicht die Zeit fehlt.

„Wenn du schon in Mostar bist, besuche auch Jablanica und das Denkmal der Neretva-Schlacht“, ist ein Rat, den man jemandem geben kann, der vier oder fünf Tage in Mostar ist. Nicht jemandem, der gerade mal dort übernachtet.

Dass gerade die balkanische Kultur die Langsamkeit zelebriert, kriegt man bei solchen Reiseplänen gar nicht mit. Man sieht nur, was alle ahnungslosen Touristen sehen, und befriedigt die eigene intellektuelle und kreative Anspruchslosigkeit.

Die Reise ist Pflichtprogramm, keine Entdeckungstour. Ob diese Leute in Paris sind, in Florenz oder Beograd, kriegen sie wahrscheinlich nicht einmal großartig mit.

Ja, solche Leute lassen Geld in Ländern, die jeden Cent dringend brauchen.

Aber sie verstopfen auch die engen Gassen von Altstädten, versitzen die Plätze in schönen Cafes und Restaurants und machen einem die Stari Most von Mostar zur beinahe unpassierbaren Qual.

Und sie sorgen dafür, dass traditionelle Restaurants entweder zu Ćevabdžinice umsatteln, weil die Ahnungslosen als lokaltypisches Essen nur Ćevape akzeptieren, oder sich mehr oder weniger gelungen dem internationalisierten Einheitsbrei anpassen, den der durchschnittliche Tourist so will.

Dass es solche Leute sind, die für die Einheimischen die Preise hochtreiben, versteht sich von selbst. Von ihnen kann man praktisch jeden beliebigen Betrag fürs Apartment oder Hotelzimmer verlangen, und beim Essen sowieso. Was ein angemessener Preis in der Region ist, wissen sie genausowenig wie die lokale Währung heißt oder was der Wechselkurs ist – und häufig nicht einmal, in welchem Land sie gerade sind.

Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren.

Wenn man Pech hat, wird man auch noch von diesen Amateuren angequatscht.

So versucht der erfahrene Balkanreisende sich von den Balkantouristen abzugrenzen, so gut es geht. Was nicht immer etwas nützt.

Wohlmeinende Einheimische halten einen trotzdem häufig für einen dieser Touristen. Was heftig am Selbstwertgefühl nagen kann.

Diese zugegeben persönliche Betroffenheit beiseite – bei dem was diese Balkanamateure nicht erleben und nicht sehen, weil sie alles erleben und alles sehen wollen, fragt man sich, warum die überhaupt reisen. Nicht nur am Balkan sondern generell.

Es wäre allen geholfen, würden sie einfach zuhause bleiben und ihr Urlaubsbudget einfach überweisen.

Sie hätten weniger Stress und könnten im Urlaub einmal ausschlafen, und der Rest der Welt müsste sich nicht mir ihrer Amateurhaftigkeit abquälen.

Vielleicht sollte ich das bei Gelegenheit der einen oder anderen Tourismusvereinigung als neues Werbekonzept vorschlagen.

Balkan Stories, Christoph Baumgarten

Christoph Baumgarten ist Journalist und Balkanreisender aus Leidenschaft. Seit 2015 verbindet er beide Leidenschaften auf seinem Blog Balkan Stories. Dort versucht er, Geschichten zu erzählen, für die es in größeren Medien meist keinen Platz gibt und stellt die Menschen in den Mittelpunkt.

Mehr von Christoph könnt ihr unter balkanstories.net nachlesen.