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Mula & Selver Dizdar: Beispielhafte Menschlichkeit unserer Community

FOTO: Radule Bozinovic

MITLEID. Wenn einen fremde Not berührt, wenn die Hoffnungslosigkeit unbekannter Menschen den Wunsch weckt, ihnen uneigennützig zu helfen, ist die höchste Stufe der Menschlichkeit erreicht. KOSMO stellt euch in unserer vier-teiligen Serie großherzige Wiener mit Balkan-Wurzeln vor, deren Verhalten gegenüber Hilfsbedürftigen Bewunderung und großen Respekt verdient.

Wir leben in schweren Zeiten. Es gibt viele hungrige, entrechtete und durch fremdes Übel ins Elend gestürzte Menschen, deren Fundamente erschüttert sind, deren Würde verletzt wurde. Sie sind hier, bei uns. Wir können die Augen vor ihnen verschließen, wir können unsere kleine, verlogene Welt vor ihrer Not schützen. Aber wir können auch zulassen, dass das Mitleid in uns siegt, und ihnen helfen. Dass wir uns richtig verstehen: Echtes Mitleid ist nicht mit der Erwartung verbunden, dass man das, was man gibt, auch zurückbekommt. Es gibt kein Geben ohne Verzicht und Opfer. Wenn wir einmal diese Linie ziehen, werden wir begreifen, dass von allem, was wir haben, nur das bleibt, was wir anderen gegeben haben. Die Menschen, die wir bei der Arbeit an dieser Geschichte über Menschlichkeit kennengelernt haben, wecken die Hoffnung, dass der Menschen für den Menschen auch Mensch sein kann, und nicht nur Wolf.

LESEN SIE AUCH: „Das Kopftuch schränkt uns nicht ein!“

  

BESTIMMUNG. Der Koran schreibt den Frauen vor, sich zu verhüllen, denn dafür wird ihnen „Schutz versprochen“, aber junge Bosnierinnen entscheiden sich erst seit kurzem für die Verhüllung. Das Kopftuch schränkt sie in keiner Weise ein, sondern verleiht ihnen mehr Selbstachtung. Mit KOSMO sprachen junge Muslimas über dieses Thema.

 

 

Mula und Selver Dizdar

Wir konnten Ahmad nicht auf der Straße sitzen lassen

Mula – Beamtin, geboren in Wien mit Wurzeln in Sarajevo. Selver – Professor im Schulunterricht, derzeit Fahrer, kam vor ein paar Jahren aus Zenica. Kennengelernt haben sie sich bei einer humanitären Aktion, wo unter der Leitung von Ahmed Husagić Hilfe für die Opfer der Flutkatastrophe gesammelt wurde. Dort haben sie viele Freunde gewonnen, aber auch die Liebe gefunden, der sie mit ihrer Ehe die Krone aufgesetzt haben.

„Als im vergangenen Jahr die Flüchtlingswelle über Wien hereinbrach, haben wir uns wieder getroffen und begonnen, bei der Versorgung der Ankömmlinge zu helfen. Mein Mann arbeitete dabei in einem Aufnahmezentrum für Flüchtlinge, wo er mit den Problemen dieser unglücklichen Menschen konfrontiert war. Wir sprachen über sie und dann sagte er mir, dass Ahmad Alshehne aus Syrien einen Asylbescheid bekommen hat und jetzt schnell eine Wohnung finden musste“, beginnt Mula die Geschichte.

Mit Hilfe von Freunden versuchten sie, eine Wohnung für den Flüchtling aus Aleppo zu finden, aber sie stießen auf verschlossene Türen.

Ahmad: „Ich wollte nicht stören, und wenn ich nachts im Wohnzimmer gelesen habe, dachte ich, dass sie das irritieren würde.“ (FOTO: Radule Bozinovic)
Ahmad: „Ich wollte nicht stören, und wenn ich nachts im Wohnzimmer gelesen habe, dachte ich, dass sie das irritieren würde.“ (FOTO: Radule Bozinovic)

„Wir entschieden uns, Ahmad zu uns in die Wohnung einzuladen, denn es kam nicht in Frage, ihn auf der Straße sitzen zu lassen, und wir hatten ein Zimmer für ihn. Schon vorher hatten wir geplant, jemanden bei uns aufzunehmen, und so war unsere Entscheidung nur die Umsetzung dieses Plans. Das ist unsere Einstellung, unser Lebensweg, es ist selbstverständlich, dass man helfen muss“, erzählt Selver, der gerade eine Fortbildung an der Weiterbildungsakademie abschließt, ruhig.

Da Mula zu dieser Zeit im Krankenstand war, verbrachte sie fast die ganze Zeit mit ihrem neuen Mitbewohner.

„In den ersten Tagen haben wir uns auf Englisch verständigt, aber da er im Flüchtlingszentrum bereits angefangen hatte, Deutsch zu lernen, erweiterte er seine Deutschkenntnisse dann durch unsere Gespräche. Mein Mann und ich haben über mögliche Konfliktsituationen gesprochen, denn vor Ahmads Ankunft hatten wir alleine gelebt und er brachte eine schwere Last seines Unglücks mit. Aber in Wirklichkeit ist es kein einziges Mal vorgekommen, dass irgendeinem von uns etwas unangenehm war. Mir war nur wichtig, dass er sich in unserem Haushalt willkommen fühlte.“, betont die junge Frau.

Mula begleitete Ahmad zu den Behörden, bei denen sie alle seine Papiere beantragten. Sie sagt, dass das kein leichter Weg war, und sie fragt sich, wie er ihn ohne ihre Hilfe geschafft hätte.

„Er hat uns oft syrische Spezialitäten gekocht, die ganz anders schmecken als unsere, aber mir haben seine Suppen und Eintöpfe gefallen. Ich habe ein bisschen Zeit gebraucht, mich daran zu gewöhnen, dass er alles langsam, ruhig und ohne Stress machte, ganz anders als wir, die wir immer in Eile sind. Ich habe versucht, es ihm nachzumachen, aber vergebens“, erinnert sich Mula lachend an die sieben Monate unter einem gemeinsamen Dach.

Mula: „Keinem von uns war es unangenehm. Mir war wichtig, dass er sich in unserem Haushalt willkommen fühlt.“ (FOTO: Radule Bozinovic)
Mula: „Keinem von uns war es unangenehm. Mir war wichtig, dass er sich in unserem Haushalt willkommen fühlt.“ (FOTO: Radule Bozinovic)

Ahmad war 50 Jahre alt und hatte in Aleppo als Manager in der Textilfabrik seiner Verwandten gearbeitet. Bis zum Ausbruch des Krieges hatte er gut gelebt, aber dann machte er sich mit seiner geschiedenen Frau und ihren vier Kindern über die Türkei auf den Weg ins Ungewisse. Die älteste Tochter war bereits in Holland.

„Die Schiffskarte nach Griechenland kostete 2.000 € pro Person, für minderjährige Kinder 1.000 €. Von dort sind wir über Mazedonien, Serbien und Kroatien nach Österreich gekommen und meine Familie ist nach Deutschland weitergereist. Von dieser Reise über den Balkan erinnere ich mich vor allem an die Kälte und den Regen. Wir waren nass bis auf die Haut. In Österreich ist es mir von Anfang an gut gegangen, aber mit der Ankunft in dieser Wohnung habe ich das Gefühl bekommen, wieder ein Zuhause und eine Familie zu haben. Niemals im Leben hatte ich solche Freunde“, erzählt uns der Syrer in solidem Deutsch.

Als der Gast anbot, für die Wohnung und das Essen mit dem Geld zu zahlen, das er vom Staat erhielt, lehnten die Dizdars das kategorisch ab. Sie schlugen ihm vor, Menschen zu helfen, die nicht genug hatten.

„Ich wollte sie nicht stören, und wenn ich nachts im Wohnzimmer las, dachte ich, dass sie das irritieren würde. Aber sie lachten nur und boten mir Kaffee und Essen an, redeten mit mir und machten mir das Leben leichter“, erzählt Ahmad gerührt, während Mula hinzufügt, dass er manchmal einkaufen ging, und wenn er Fleisch kaufte, waren das ungeheuer große Mengen.

Ahmad hat sich an die neue Lebensweise angepasst und auch einige Wörter unserer Sprache gelernt. Er mag unser Essen, vor allem das Trockenfleisch und die Čevapčići. (FOTO: Radule Bozinovic)
Ahmad hat sich an die neue Lebensweise angepasst und auch einige Wörter unserer Sprache gelernt. Er mag unser Essen, vor allem das Trockenfleisch und die Čevapčići. (FOTO: Radule Bozinovic)

Kürzlich ist Ahmad in eine Wohnung umgezogen, die er sich mit zwei anderen Landsmännern teilt, aber das Ehepaar Dizdar besucht er noch regelmäßig. Er möchte möglichst gut Deutsch lernen, um zu arbeiten und in Österreich ein regulärer Steuerzahler zu werden.

„Wir haben uns an ihn gewöhnt. Er ist intelligent und ein interessanter Gesprächspartner. An unsere Lebensweise hat er sich glänzend angepasst und hat sogar einige Worte unserer Sprache gelernt. Er mag unser Essen; vor allem das Trockenfleisch, die Čevapčići, und die Sevdalinke, die er gehört hat, als wir ihn am Weihnachtsabend zu einem Konzert mitgenommen haben, haben ihn begeistert“, sagen Mula und Selver zum Abschluss. Und Ahmad verrät uns, dass die bosnischen Spezialitäten so gut geduftet haben, dass er sich immer eine doppelte Portion auf den Teller schöpfen musste.

Sieben Monate lebte Ahmad bei Familie Dizdar.