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REPORTAGE

Bosniaken in Istanbul: Im Stadtteil Bayrampaşa kommt man auch ohne Türkisch aus

Die Auswanderungen aus dem Balkan in die Türkei geschahen etappenweise. Mit den politischen Veränderungen und der Teilung des Gebietes, nach dem Berliner Kongress 1878, kam die erste Auswanderung der muslimischen Bevölkerung aus Bosnien-Herzegowina, Serbien und Montenegro. Die nächste Welle folgte nach der Gründung des zweiten, kommunistischen Jugoslawiens. Sie emigrierten weiterhin in die Türkei, aber auch in die westeuropäischen Länder. 70.000 Bosniaken emigrierten zwischen 1950 und 1960. Die letzte Auswanderungswelle geschah mit der Aggression von 1992 auf Bosnien-Herzegowina. “Hier sind sie alle archiviert. Die Flüchtlinge aus den 90er Jahren wurden hier gut aufgenommen, da wir Vorarbeit geleistet haben”, sagt Ragib und holt eine Mappe aus einem Regal hervor.

Ein Park als Zeichen der Wertschätzung
Im Archiv des Verbandes befinden sich Kopien der Reisepässe und Dokumente von über 30.000 geflüchteten Personen, die in Istanbul angekommen sind. Man versuchte den damaligen Kriegs-Flüchtlingen rasch Unterkünfte und Wohnungen zu vermitteln. Ragib erinnert sich wieder an seine Anfänge in der Türkei. Man war sich selbst überlassen und musste lernen sich alleine in einem riesigen Land zu Recht zu finden. „In unserer Gemeinschaft haben wir Ärzte, Ingenieure, Geschäftsleute und Anwälte. Wir sind hier sehr erfolgreich. Natürlich gibt es ein paar die aus der Reihe tanzen, aber die Mehrheit genießt hier einen guten Ruf“, erzählt er weiter. Gegenüber den Räumlichkeiten des Vereins liegt eine Parkanlage. Ragib zeigt auf den Park und erklärt, dass dies ein Geschenk der türkischen Regierung an die Bürger vom Balkan sei. Im Park befinden sich ein aus Eisen gegossener Halbmond, ein Adler und eine Lilie, symbolisch für Menschen aus der Balkan-Region.

Der Park ist den Balkan-Migranten gewidmet. (Foto: Adisa Begic)

Burek und Lepa Brena
Daneben erstreckt sich ein Vergnügungspark, wo sich Familien mit ihren Kindern die Zeit vertreiben. Restaurants und Imbissbuden werden von einer dichtbefahrene Straße parallel zum Park getrennt. An einer Straßenecke steht das Restaurant von Ercan Gül. Im „Avliya Bosnak Mutfagi“ ertönen die Klänge von Lepa Brena und Dino Merlin. Jugendliche sitzen und plaudern ausgelassen. Im Restaurant riecht es verlockend nach fleischlastigen Balkan-Speisen, Burek, Cevape und Mantije. „Meine Familie lebt seit den 50ern in der Türkei. Ich bin hier geboren, reise aber regelmäßig nach Sarajevo. Ich bin mit einer Sarajevoerin verheiratet“, sagt Gül. Ihm ist der Bezug zur alten Heimat seiner Eltern wichtig. Die Sprache und Kultur versucht er auch an seine Kinder weiter zu geben, weshalb es sich auch für die Eröffnung eines traditionellen Restaurants mit Hausmannskost entschieden hat.

Hier wird auf traditionelle Speisen Wert gelegt. (Foto: Adisa Begic)

Anpassungsfähige Balkanesen
„Wir haben uns hier gut integriert. Wir fühlen uns als Türken und sehen uns auch als Teil dieses Landes“, so Ercan Gül. Hier sprechen sowohl alte als auch junge einwandfreies Türkisch. Auf Integration, gute Ausbildung und Erfolg wird hier viel Wert gelegt. Für die meisten hier gäbe es keine Rückkehr in die Heimatländer, da sie bereits in der Türkei verwurzelt sind.

Der Restaurantbesitzer Gül lebt und arbeitet in Istanbul. (Foto: Adisa Begic)

„Ich empfehle vor allem Geschäftsmännern am Balkan zu investieren. Denn nur so können diese Länder gefördert und die Massenabwanderungen gemindert werden. Die Schaffung neuer Arbeitsplätze kann so den jungen Leuten Hoffnung auf eine bessere Zukunft geben“, sagt Ercan Gül, der während des Gesprächs von seinen Mitarbeitern unterbrochen wird, da sie zwischen durch Fragen haben. Der Restaurantbesitzer redet mit ihnen Türkisch und neckt jene die ihre „Muttersprache“ nicht mehr beherrschen. Der Grund warum die Integration der Migranten vom Balkan in der Türkei so gut funktioniert hat? „Das kann ich mir auch nicht erklären. Möglicherweise liegt es an der Anpassungsfähigkeit den Balkanesen“, fügt Gül hinzu. Die Zukunft wird zeigen, ob die nächsten Generationen die Kultur und Sprache ihrer Vorfahren aufrecht halten wird.