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REPORTAGE

Bosniaken in Istanbul: Im Stadtteil Bayrampaşa kommt man auch ohne Türkisch aus

Die Brücke im Istanbuler Stadtteil Bayrampaşa ist der „Alten Brücke“ in Mostar nachempfunden. (Foto: zVg.)

Im Istanbuler Stadtteil “Bayrampaşa” leben rund 80.000 Menschen mit Wurzel vom Balkan. In diesem Bezirk kommt man auch ohne Türkisch Kenntnisse weiter. KOSMO hat einen Abstecher in die türkische Metropole unternommen. Ein Lokalaugenschein.

„Hier sind wir primär Türken und erst an zweiter Stelle Bosniaken“, sagt der grauhaarige Ragib. Er genießt seine Pension in Istanbul und denkt nicht daran in die Heimat zurückzukehren. Die Türkei ist zu seiner Heimat geworden. Ragib ist Vorstandsmitglied des Vereins “Bosna-Sancak”, der größten bosnischen Organisation in der Türkei, die 1989 gegründet wurde.

Die Räumlichkeiten des Vereins befinden sich dort wo auch die meisten Bosniaken leben. Im Stadtteil Bayrampaşa, einem Vorort Istanbuls, der der Donaustadt gleicht. Mit rund 240.000 Einwohnern ist das Arbeiter-und Industiergebiet dicht besiedelt. Etwa 80.000 Menschen stammen aus Albanien, Bosnien-Herzegowina und dem Sandzak.

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Die Österreichisch-bosnisch-herzegowinische humanitäre Organisation wurde vor kurzem gegründet. Dahinter stecken junge Menschen aus Oberösterreich, die soziale Hilfsprojekte in beiden Ländern unterstützen möchten. KOSMO hat nachgefragt.

 

Sieht man sich auf den Straßen dieses Stadtteils um, hat man das Gefühl am Balkan zu sein. Bosnische Burek-Läden, Bäckereien, Restaurants oder die „Mostar“ Apotheke verleihen Bayrampaşa einen Hauch der Ottakringerstraße in Wien. Hier und dort schnappt man ein bekanntes Wort auf. Man merkt rasch, dass man sich auch ohne Türkisch Kenntnisse zurechtfinden kann.

Bosnischer Flair in Istanbul
In einem vierstöckigen Hochhaus, das noch weiter ausgebaut wird, sind ein Festsaal, eine Bibliothek, ein Konferenzraum, einige Büros sowie eine Küche untergebracht. Finanziert wird der Verein durch Eigenmittel. Schwerpunkte ihrer Tätigkeiten sind Vermittlung der bosnischen Sprache und Kultur, sowie der soziale Beitrag für die Gesellschaft. Den Eingangsbereich belebt eine Wandmalerei, das namensgebende Wahrzeichen der Stadt Mostar, Stari Most. „Wir haben hier das Grundstück aufgekauft und das Gebäude selbst errichtet. Staatliche Förderungen gab es keine“, betont Ragib. Die Räumlichkeiten des Vereins werden für Fortbildungen aber auch Treffen und Veranstaltungen genutzt. Ein ganzer Raum wurde der bosnischen Tradition gewidmet. Er trägt den Namen „bosanska soba“ und ist mit Gegenständen aus der alten Heimat geschmückt. Ein langgestrecktes Sofa (secija), gewebte Teppiche (cilim), eine Kinderwiege (besika), ein Holztisch mit einem Kaffeeservice. Erinnerungsstücke, die den Reichtum und die Vielfalt Bosnien-Herzegowinas und dem Sandzak, hochhalten sollen.

Ein Raum mit Erinnerungsstücken an die Heimat. (Foto: Adisa Begic)

Die Ankunft der ersten Generation vom Balkan in der Türkei war mit Schwierigkeiten verbunden. Um türkischer Staatsbürger zu werden, musste man vorerst seinen ganzen Besitz verkaufen, um quasi staatenlos in die Türkei einreisen zu können. Ländereien, Vieh, Häuser und sonstige Besitztümer wurden im ehemaligen Jugoslawien zurückgelassen, um sich in einem fremden Land eine neue Zukunft aufzubauen.

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Der Anfang war schwer
„Da wir die Sprache nicht beherrschten und die Menschen hier vom Balkan nicht vernetzt waren, hatte man zunächst sehr viele Probleme“, erzählt Ragib und öffnet die Tür zur Bibliothek. An der Wand hängt ein Gemälde eines bosnischen Künstlers. Frauen mit Kindern und je einen Beutel im Arm marschieren auf einer Wiese. Das Bild steht als Symbol für die vielen Migranten vom Balkan, die zu meist nur das Wichtigste mit sich trugen, als sie ihre Heimat verlassen haben.

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