Start NEWS PANORAMA Bürgermeister von Bihać: “Ab Montag gibt es für Flüchtlinge kein Essen und...
BOSNIEN-HERZEGOWINA

Bürgermeister von Bihać: “Ab Montag gibt es für Flüchtlinge kein Essen und Wasser mehr” (VIDEO)

(FOTO: zVg., Petar Rosandić)

Die Flüchtlingskrise im Nordwesten Bosnien-Herzegowinas wird nun zur totalen humanitären Katastrophe.

Der Bürgermeister von Bihać Šuhret Fazlić kündigte an, ab Montag die sowieso sehr spärliche Belieferung des Camps Vučjak mit Wasser und Nahrung komplett einzustellen. Fazlić will mit diesen brutalen Methoden, mit denen er sogar nun Menschenleben aufs Spiel setzt, Druck auf die Regierung in Sarajevo ausüben. KOSMO war exklusiv vor einem Monat im „Horror-Camp“ auf der Müllhalde und bereits damals war die Situation mit den 800 bis 1000 Flüchtlingen mehr als nur kritisch. Viele der Flüchtlinge sagten uns damals, dass sie nur vormittags Wasser bekommen und beklagten sich über die sehr kleine Mahlzeit, die sie einmal täglich bekamen. Der Satz des ehrenamtlichen Helfers Dirk Planert – „Wir werden Leichensäcke im Winter brauchen“ – scheint sich nun leider zu bewahrheiten…

1500 neue Flüchtlinge im Horror-Camp
Abgesehen von den unmenschlichen Zuständen auf der ehemaligen Müllhalde, die sich neben einem Minenfeld befindet, hat die Krise mit dem Ankommen von 1500 neuen Flüchtlingen diese Woche ihren Höhepunkt erreicht. Trotz katastrophaler, äußerst beengender Zustände, von denen wir uns selbst vor einem Monat überzeugen konnten, bringt die bosnische Polizei alle neuen Flüchtlinge weiterhin auf die ehemalige Müllhalde. „Die Menschen schlafen im Dreck, auf dem Boden, in der Kälte“, berichtet uns unsere Quelle aus dem Horror-Camp. Unser Kontakt in Vučjak hat es nicht mehr ausgehalten und hat es mittlerweile geschafft, aus dem Horror-Camp zu flüchten. „Es war nicht mehr zu ertragen, das ist ein Internierungslager geworden. Jetzt werden die Leute auch noch geschlagen, wenn sie versuchen, das Camp zu verlassen“, sagt unsere Quelle.

„Mit diesen Bussen werden die Menschen gejagt und nach Vučjak deportiert. Zur Erinnnerung: Die IOM ist dazu da, um Flüchtlingen zu helfen“
sagt unsere Quelle

„Verhungern lassen“ als politisches Druckmittel
Bei seiner Pressekonferenz in Sarajevo sagte der Bürgermeister von Bihać, die Stadt hätte das Camp bereits 100.000 bosnische Mark (50.000 Euro) gekostet. Dabei betonte er, dass er von der bosnischen Regierung im Stich gelassen wurde. „Ab Montag gibt es kein Wasser und auch kein Essen für die Flüchtlinge. Wir lassen die Lage eskalieren, um endlich Sarajevo zum Handeln zum Bringen. Wenn die Föderation (zuständiger Teilstaat Bosnien-Herzegowinas) und die Regierung auch dann nichts tun, wird es Demonstrationen vor dem bosnischen Parlament geben“, kündigte er an und betonte: „90 Prozent der Flüchtlinge im Land – mehr als 6.000 mittlerweile – sind bei uns, im Rest des Landes gibt es keine Flüchtlingskrise“. Was er auf der Pressekonferenz nicht sagte ist, dass er es war, der die Flüchtlinge auf die ehemalige Müllhalde schickte und dort ein illegales Camp errichten ließ. Ziel seiner Maßnahme: Die Flüchtlinge aus dem Stadtbild von Bihać zu entfernen.
„Prinzessin von Bosnien“ kappte medizinische Versorgung

Die Flüchtlingskrise in Bosnien-Herzegowina scheint zum kompletten Amoklauf aller dort beteiligten Politiker zu werden: Strom hat es im Horror-Camp Vučjak sowieso nie gegeben, Platzmangel ist von Anfang an da und jetzt werden auch noch Wasser und Nahrung eingestellt. Dass die medizinische Versorgung seit 3 Wochen gar nicht mehr funktioniert, verdankt man ebenso einer komplett irrationalen Entscheidung der Gesundheitsministerin des Unsko-sanski Kantons, Nermina Ćemalović. Diese Entscheidung führte auch in Wien zu Protesten vor der bosnisch-herzegowinischen Botschaft (KOSMO berichtete).

Nachdem die Ambulanz der Ehrenamtlichen im Camp, die täglich 200 Menschen behandelten, von der Ministerin geschlossen wurde, mussten die Mediziner, SanitäterInnen und HelferInnen aus Österreich, Ungarn, Slowenien und Deutschland auch noch Bußgelder von 150 Euro zahlen und wurden des Landes verwiesen. „Sie führt sich auf wie die Prinzessin von Bosnien und lügt -trotz hippokratischem Eid als Ärztin – eiskalt in die Kamera. Sie hat genau gewusst, dass wir die Menschen hier medizinisch versorgen und war bereits vor Monaten hier“, sagt Dirk Planert, deutscher Journalist und Humanitäter, der auf die Aussage der Ministerin anspielt, in der sie behauptete „nichts vom Team Vučjak und deren Arbeit gewusst zu haben“. Gemeinsam mit einer österreichischen und ungarischen Ärztin, einem Mediziner-Team aus Slowenien und jungen Sanitäterinnen aus Deutschland hat Planert fast vier Monate auf eigene Faust und durch Spenden aus dem Ausland finanziert die Ambulanz geleitet.

Was tut die IOM?
Planert klagt auch über die Rolle der Internationalen Organisation für Migration. Auf Facebook beklagte er, dass die IOM sich damit rühmt, der bosnischen Polizei neue Busse gekauft zu haben. „Mit diesen Bussen werden die Menschen gejagt und nach Vučjak deportiert. Zur Erinnnerung: Die IOM ist dazu da, um Flüchtlingen zu helfen“, so Planert, der sich auch von der Europäischen Union endlich eine Reaktion erwartet.

Die österreichische EU-Abgeordnete Bettina Vollath (SPÖ) hat bereits mit dem Einreichen einer dringlichen Anfrage an die EU-Komission reagiert. Die Abgeordnete, die das Camp vor einem Monat selbst besucht hat, betont: “Eine menschenwürdige Versorgung ist dort nicht möglich – das Lager ist eine Schande für die EU und Bosnien.

Spendenaktion und Demonstration in Wien
Die FlüchtlingshelferInnen aus Österreich, die vor einem Monat bereits Spenden nach Vučjak gebracht haben, planen sich erneut auf den Weg nach Bosnien zu machen. „Wir können und werden nicht zusehen“, kündigten der Rapper Kid Pex aus Wien und Brigitte Holzinger aus Kremsmünster an. In Wien werden heute (17 bis 22 Uhr) und am Samstag (13 bis 17 Uhr) im Verein BOEM (Schwarzhorngasse 1, 5. Bezirk) Spenden angenommen. Im Facebook-Event findet sich die Liste der Sachen, die dringend gebraucht werden.

“90 Prozent der Flüchtlinge im Land – mehr als 6.000 mittlerweile – sind bei uns, im Rest des Landes gibt es keine Flüchtlingskrise“

Ebenso wurde von der Aktivistin Filis Bilgin eine erneute Demonstration vor dem Haus der Europäischen Union für Montag angekündigt. Dabei werden ehrenamtliche FlüchtlingshelferInnen aus Österreich, die in Vučjak waren, das Wort ergreifen. „Die Drohung den Menschen Essen und Wasser wegzunehmen ist ein Verbrechen! Wir klagen an!“, kündigt der Wiener Künstler Arye Wachsmuth an, der selber in der Ambulanz diesen Sommer ausgeholfen hat. Die Versammlung vor dem Haus der EU in der Wipplingerstraße 35 startet um 16 Uhr, die Kundgebung mit den Reden beginnt um 16 h 45.

Videos von der Rede des Bürgermeisters, sowie Fotos aus dem Lager findet ihr auf den nächsten Seiten!