Millionen Bosnier leben im Ausland – doch zur Wahl melden sich nur wenige tausend an. Die Gründe dafür sind vielschichtig.
Weniger als einen Monat vor Ablauf der Registrierungsfrist haben lediglich 11.379 im Ausland lebende Staatsbürger Bosnien-Herzegowinas ihre Anmeldung zur Stimmabgabe bei den Parlamentswahlen am Oktober 2026 über das Portal e-Izbori eingereicht. Auf die besorgniserregend geringe Resonanz machte das Mitglied der Zentralen Wahlkommission BiH, Suad Arnautovic, aufmerksam. Von den Angemeldeten erfüllten demnach 7.779 Personen die Voraussetzungen für die Stimmabgabe, während bei 1.037 – das entspricht 9,11 Prozent der Gesamtzahl – die Registrierungsbedingungen nicht erfüllt waren.
Nach offiziellen Angaben des Ministeriums für Menschenrechte und Flüchtlinge leben mehr als 1,7 Millionen in Bosnien-Herzegowina geborene Personen in über 50 Ländern weltweit; die Gesamtzahl der Menschen mit Wurzeln in BiH wird auf rund 2,2 Millionen geschätzt. Theoretisch könnte die Diaspora durch eine entschlossene Wahlbeteiligung die Ergebnisse maßgeblich beeinflussen und das politische Schicksal des Landes mitgestalten – doch die tatsächliche Beteiligung bleibt weit hinter diesem Potenzial zurück.
Politisches Vertrauen fehlt
Sanjin Jakic, Vorsitzender des Verbands bosnisch-herzegowinischer Vereine in Österreich „Consilium Bosniacum“, widerspricht der Deutung, die Diaspora habe das Interesse an ihrer Heimat verloren. Das emotionale Band sei nach wie vor stark, sagt er – die Verantwortung für die schwache Mobilisierung liege jedoch nicht bei den Auslandsbürgerinnen und -bürgern, sondern bei den politischen Akteuren in BiH. „Es reicht heute nicht mehr, die Leute einfach zur Registrierung aufzurufen. Es braucht klare Programme, konkrete Ziele und eine nachvollziehbare Antwort auf die Frage, warum die Diaspora gerade einer bestimmten politischen Option ihr Vertrauen schenken sollte.“
Ebenso wichtig sei die Bereitschaft, vergangene Fehler einzugestehen und aktiv am Wiederaufbau von Vertrauen zu arbeiten. Die Diaspora von heute sei nicht mehr jene von vor zwei oder drei Jahrzehnten – sie bestehe aus gebildeten, erfolgreichen Menschen, die Verantwortungsbewusstsein, Transparenz und einen ernsthaften politischen Umgang einforderten. „Wenn politische Akteure Vertrauen aufbauen und eine klare Vision bieten, bin ich überzeugt, dass die Beteiligung der Diaspora deutlich steigen wird“, so Jakic.
Dass die Verbundenheit mit dem Heimatland trotz allem tief verwurzelt ist, zeige sich etwa in der leidenschaftlichen Unterstützung für die Fußballnationalmannschaft, betont Safet Alispahic, Vorsitzender des Rates der bosnischen Gemeinschaft in New South Wales. Warum dieselben Menschen nicht zur Wahl gehen, sei freilich die entscheidende Frage. „Wahrscheinlich ist die Zeit reif, dass in der Politik jemand auftaucht wie Barbarez im Fußball“, sagt er. In der Politik dominierten hingegen jene, die nicht zuhörten, sich bereicherten und dem Staat BiH weder Loyalität noch Respekt entgegenbrächten. „Die Bürger sehen das – und bleiben deshalb den Wahlen fern. Solange sich das nicht ändert, wird die Diaspora die Wahlen wohl stillschweigend boykottieren.“
Fehlende Kampagnen
Die verhaltene Beteiligung im ersten Monat der Registrierungsphase ist laut Ahmed Husagic, Vorsitzender der Bewegung „Snaga domovine“ (Kraft der Heimat), vor allem darauf zurückzuführen, dass eine breite, koordinierte Kampagne – wie sie vor den Parlamentswahlen 2022 existierte – diesmal ausgeblieben ist. Sporadische Initiativen, die auf dem Enthusiasmus Einzelner beruhen, könnten auf Dauer keine tragfähige Grundlage sein. „Der nächste Schritt muss die Professionalisierung der Arbeit mit der Diaspora sein. Ernsthafte Ergebnisse entstehen nicht durch gelegentliche Kampagnen, sondern durch kontinuierliche, systematische Arbeit – mit dauerhaften Strukturen, die während der gesamten Mandatsperiode aktiv sind, nicht nur in den Monaten vor einer Wahl.“
Die niedrige Beteiligung könnte zudem konkrete politische Konsequenzen haben, besonders in der Entität Republika Srpska, wo Diaspora-Stimmen traditionell einen überproportionalen Einfluss auf die Mandatsverteilung ausüben. Bei den letzten Parlamentswahlen war es bosnisch-herzegowinischen Parteien gelungen, ihre Abgeordnetenzahl in der Nationalversammlung der Republika Srpska von drei auf fünf zu steigern – ein Erfolg, der bei geringerer Diaspora-Beteiligung diesmal kaum zu wiederholen wäre.
Ahmed Lindov, norwegischer Parlamentarier mit Wurzeln in BiH, formuliert es noch direkter: „Dieses Jahr gibt es kein Engagement aus BiH – das ist traurig. Aber wir haben nicht den Luxus zu sagen, wir wählen nicht, weil uns jemand enttäuscht hat.“ Gerade im Gebiet der kleineren Entität, wo 700.000 von 1,1 Millionen Wahlberechtigten leben, könnte die Diaspora den Unterschied machen. Würden sich 100.000 Bosniaken und Kroaten aus dem Ausland registrieren, wäre der Präsident der Republika Srpska kein Kandidat der SNSD mehr, ist Lindov überzeugt.
Muhamed Setkic aus Örebro wählt bei jeder Gelegenheit – und versteht dennoch jene, die es nicht tun. „Die verbreitete Meinung ist, dass in Bosnien nicht Politiker die Politik bestimmen, sondern andere Kräfte. Viele haben das Gefühl, dass ihre Stimme nichts bewirkt.“ Auch bürokratische Hürden spielten eine Rolle: Zwar sei die Registrierung inzwischen weitgehend digitalisiert, doch müsse nach wie vor ein Formular ausgedruckt, ausgefüllt, unterschrieben und eingescannt werden. „Die Diaspora sollte nicht unterschätzt werden – man erinnert sich an sie nur, wenn Wahlen anstehen oder wenn Überweisungen gebraucht werden. Wer wissen will, wie viel Geld aus der Diaspora ins Land fließt, der soll sich die Zahlen ansehen.“ Nach Angaben der Zentralbank und der Weltbank beliefen sich die jährlichen Rücküberweisungen 2023 auf rund 1,9 bis 2 Milliarden Euro.