Die Weltgesundheitsorganisation WHO schlägt Alarm: Zunehmende Impfskepsis und rückläufige Entwicklungshilfe für Impfprogramme gefährden die globale Gesundheit erheblich. „Wir sind extrem besorgt über Fehl- und Desinformation zu Impfungen“, warnt Kate O’Brien, Leiterin der WHO-Impfabteilung. Besonders beunruhigend sei auch der Rückgang der finanziellen Unterstützung, den O’Brien bei der Präsentation des jährlichen WHO-Unicef-Berichts zu weltweiten Impfraten als „extrem problematisch“ bezeichnete.
Während die globale Abdeckung mit der zweiten Masern-Impfdosis geringfügig auf 76 Prozent anstieg, bleiben laut WHO rund 30 Millionen Kinder weltweit unzureichend gegen diese gefährliche Krankheit geschützt. Für einen wirksamen Gemeinschaftsschutz müsste die Impfrate in allen Regionen und Ländern mindestens 95 Prozent erreichen. Die Realität sieht anders aus: 2024 verzeichneten 60 Länder schwere Masernausbrüche – mehr als doppelt so viele wie noch 2022.
O’Brien führt diese Entwicklung in manchen Regionen direkt auf verbreitete Impfskepsis zurück. Die genaue Zahl der dadurch verursachten Todesfälle sei schwer zu ermitteln, doch für 2023 schätzt die WHO die weltweiten Masern-Todesfälle auf über 107.000.
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Globale Herausforderungen
Bewaffnete Konflikte und die Herausforderung, Kinder in abgelegenen Gebieten zu erreichen, stellen die größten Hindernisse für einen umfassenden Impfschutz dar. Dem Bericht zufolge erhielten im vergangenen Jahr 14,3 Millionen Kinder im ersten Lebensjahr keinerlei Impfungen – nur geringfügig weniger als die 14,4 Millionen im Vorjahr.
Bereits im letzten Jahr mangelte es an Mitteln zur Unterstützung von Impfkampagnen in ärmeren Ländern. Die aktuellen drastischen Kürzungen der Entwicklungshilfe durch die USA und zahlreiche andere Staaten könnten nach Befürchtungen von WHO und Unicef katastrophale Folgen haben.
Hans Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa, betont den direkten Zusammenhang: „Impfungen retten Leben, und wenn die Abdeckung sinkt, breiten sich Krankheiten aus.“ Die Zahlen aus der europäischen Region sind alarmierend: Fast 300.000 Menschen erkrankten dort im vergangenen Jahr an Keuchhusten – eine Verdreifachung gegenüber dem Vorjahr. Bei Masern stieg die Zahl auf mehr als 125.000 Fälle, was einer Verdopplung entspricht.
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Im europäischen WHO-Raum, der 53 Länder bis nach Zentralasien umfasst, ist die Durchimpfungsrate gegen Masern und Keuchhusten 2024 weiterhin rückläufig und bleibt unter dem Niveau vor der Corona-Pandemie. Mehr als die Hälfte dieser Länder verfehlt das wichtige Ziel einer 95-prozentigen Durchimpfung. Besonders besorgniserregend: Fast ein Drittel der Länder meldet sogar Durchimpfungsraten unter 90 Prozent, was die Gefahr weiterer Krankheitsausbrüche deutlich erhöht.
Kluge fordert die Länder auf, ihre lokalen Gesundheitssysteme zu stärken, flächendeckend Impfstoffe bereitzustellen und aktiv gegen Fehlinformationen vorzugehen.
Positive Entwicklungen
Zur Position des als Impfskeptiker bekannten US-Gesundheitsministers Robert Kennedy äußern sich die Fachleute nicht direkt. Sie unterstreichen jedoch die Verantwortung von Politikern sowie religiösen und gesellschaftlichen Führungspersönlichkeiten, das Vertrauen in die seit Jahrzehnten überwachten und geprüften Impfstoffe zu fördern statt zu untergraben. „In gut 50 Jahren sind 150 Millionen Menschenleben durch Impfstoffe gerettet worden“, betont Ephrem Lemango von Unicef.
Das WHO-Regionalbüro Europa und Unicef warnen eindringlich, dass nachlässiges Impfverhalten die Gesundheit von Kindern gefährdet und die Ausbreitung von Krankheiten wie Masern und Keuchhusten begünstigt. In der Region, die 53 Länder bis nach Zentralasien umfasst, waren die Impfraten gegen diese Krankheiten 2024 leicht rückläufig und blieben unter dem Niveau vor der Corona-Pandemie, wobei erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern bestehen.
Weltweit verzeichnen die Impfraten laut WHO-Bericht 2024 einen leichten Anstieg. Etwa 85 Prozent der Säuglinge erhielten drei Dosen der Kombinationsimpfung gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten (DTP) – insgesamt 109.000 Säuglinge, geringfügig mehr als im Vorjahr. Die DTP-Impfung gilt als wichtiger Indikator für die globale Durchimpfungsrate.
In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) für Kinder neben anderen auch Impfungen gegen Masern, Mumps, Röteln, Tetanus, Windpocken und humane Papillomaviren (HPV).
Die HPV-Impfung zum Schutz vor Gebärmutterhalskrebs bezeichnet O’Brien als weltweite Erfolgsgeschichte. Der Anteil junger Mädchen, die diese Impfung erhalten, stieg global um vier Prozentpunkte auf 31 Prozent. Dieser Fortschritt ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass Nigeria und Bangladesch den HPV-Schutz in ihre Standardimpfprogramme aufgenommen haben.
Bis 2030 strebt man eine Abdeckung von 90 Prozent an.