Ein neu entdeckter Pilz manipuliert Spinnen, zwingt sie zum tödlichen Gang ins Freie und verwandelt ihre Körper in gespenstische Mumien. Die Wissenschaft steht staunend davor.
Ein stiller Jäger
Weltweit untersuchen Wissenschaftler derzeit ein ebenso faszinierendes wie unheimliches Naturphänomen: den Pilz Gibellula attenboroughii, der Spinnen in regelrechte „Zombies“ verwandelt. Erstmals entdeckt wurde der parasitäre Organismus 2021 während Dreharbeiten zur BBC-Dokumentation „Winterwatch“ in Nordirland, als Kamerateams eine befallene Spinne der Art Metellina merianae an der Decke eines verlassenen Lagerhauses filmten. Die wissenschaftliche Beschreibung und Klassifikation als neue Art erfolgte anschließend durch ein Forscherteam um Harry Evans.
Der tödliche Mechanismus des Pilzes ist bemerkenswert: Nach dem Anheften an den Wirtskörper dringt er ins Innere der Spinne ein und beginnt, deren Organe zu zersetzen. Gleichzeitig manipuliert er die Gehirnchemie des Opfers, indem er vermutlich den Dopaminspiegel verändert. Diese biochemische Manipulation zwingt die Spinne, ihr schützendes Netz zu verlassen und sich ins Freie zu begeben – wo sie schließlich stirbt.
Nach diesem erzwungenen „Selbstmord“ setzt Gibellula ein Toxin frei, tötet den Wirt endgültig und produziert Antibiotika zur Konservierung des Spinnenkörpers. Erst dann bilden sich die charakteristischen „Mumien“, aus denen später neue Sporen entstehen.
Tödlicher Kreislauf
Mit der Freisetzung dieser Sporen beginnt der tödliche Kreislauf von Neuem. Experten können nur schwer einschätzen, wie lange infizierte Spinnen überleben – die Schätzungen liegen bei etwa drei Wochen. Weitere Forschungen haben gezeigt, dass der Pilz auch die verwandte Spinnenart Meta menardi befällt und sich geschickt an unterschiedliche ökologische Bedingungen in Höhlen anpassen kann.
Die mumifizierten, weißen Überreste befallener Spinnen wurden mittlerweile in verschiedensten Regionen der Welt dokumentiert – von amerikanischen Dachböden und Kellerräumen über britische Gärten und Höhlen bis hin zu tschechischen Kellern und russischen Weinkellern. Aktuelle Studien belegen, dass auf den Britischen Inseln eine größere Vielfalt an parasitären Pilzen der Gattung Gibellula existiert als bisher angenommen. Genetische Untersuchungen und Recherchen in Museumssammlungen deuten auf zahlreiche bislang unentdeckte Arten hin.
Keine Menschengefahr
Trotz des gruseligen Anblicks der versteinerten Spinnenkadaver geben Wissenschaftler Entwarnung für den Menschen, wie die Daily Mail berichtet. „Damit dieser Pilz einen Menschen infizieren könnte, wären viele Millionen Jahre genetischer Veränderungen nötig“, beruhigt Joao Araujo, Mykologe (Pilzforscher) am Naturhistorischen Museum in Kopenhagen. Obwohl Fachleute betonen, dass keine Gefahr besteht, weckt das Phänomen unweigerlich Assoziationen zur populären Serie „The Last of Us“, in der pilzbasierte Infektionen zur Apokalypse führen.
Vorerst bleiben jedoch Spinnen die einzigen Opfer dieses heimlichen Parasiten.