Niederösterreich meldet alarmierende Zahlen: Häusliche Gewalt nimmt wieder deutlich zu – mit einem klaren Täterprofil.
In Niederösterreich verzeichnen Polizei und zuständige Behörden im laufenden Jahr eine deutlich erhöhte Belastung bei der Umsetzung des Gewaltschutzgesetzes. Im ersten Halbjahr stiegen sowohl die Zahl der erfassten Gefährder als auch die Anzahl der ausgesprochenen Betretungs- und Annäherungsverbote im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 17 Prozent. Als häufigster Auslöser für Wegweisungen gelten Gewaltandrohungen innerhalb von Beziehungen.
Landespolizeidirektor Franz Popp betont, dass der Schutz von Leben, Gesundheit und persönlicher Freiheit im familiären und sozialen Umfeld zu den zentralen Aufgaben der Polizei zähle. Bereits bei seinem Amtsantritt habe er diesen Bereich als persönliche Kernaufgabe definiert. Warum die Fallzahlen im Vorjahr um rund 8 bis 10 Prozent zurückgegangen seien und nun wieder merklich zunähmen, lasse sich nicht erklären, so Popp.
Steigende Fallzahlen
Die Entwicklung der Gefährderzahlen zeigt folgendes Bild: 2.309 Fälle im Jahr 2023, 2.345 im Jahr 2024, gefolgt von einem Rückgang auf 2.117 im Vorjahr. Bis Ende Juni des laufenden Jahres wurden bereits 1.112 Gefährder registriert. Ähnlich verlief die Entwicklung bei den Betretungs- und Annäherungsverboten: Nach 2.795 im Jahr 2024 sank die Zahl auf 2.561 im Vorjahr, während sie bis Ende Juni dieses Jahres bereits bei 1.411 liegt. Damit nähere man sich wieder dem Niveau der Jahre 2023 und 2024 an, erklärt Popp.
Als zentralen Kooperationspartner im Bereich des Gewaltschutzes hob der Polizeidirektor den Verein Neustart hervor. Dessen Therapeutinnen, Therapeuten und Sozialfachkräfte begleiten die verpflichtenden sechsstündigen Gewaltpräventionsberatungen, die weggewiesene Personen innerhalb von zwei Wochen absolvieren müssen.
Neustart-Geschäftsführer Alexander Grohs berichtet, dass rund 20 Vollzeitkräfte an acht Stützpunkten in ganz Niederösterreich sowie in Kliniken und Haftanstalten mit dieser Beratungsarbeit betraut sind. Im Mittelpunkt der Gespräche stehe die Sensibilisierung für gewalttätiges Verhalten, dessen Ursachen und die damit verbundene persönliche Verantwortung.
Männlich dominiert
Es gehe dabei nicht um Einzelfälle, sondern um wiederkehrende Verhaltensmuster, betont Grohs. Ziel sei es, bei den betroffenen Personen eine Motivation zur Verhaltensänderung zu wecken. Im Juni erreichte seine Einrichtung seit Beginn der Beratungstätigkeit im Jahr 2021 die Marke von 10.000 durchgeführten Gewaltpräventionsberatungen in Niederösterreich.
Laut Grohs ist Gewalt eindeutig männlich dominiert: 90 Prozent der Gefährder sind Männer, die Hälfte davon gehört der Altersgruppe zwischen 31 und 50 Jahren an. Die Täter stammen aus allen gesellschaftlichen Schichten, mehrheitlich aus patriarchal geprägten Familienverhältnissen. Eine klare Mehrheit sind österreichische Staatsbürger oder EU-Angehörige. Zwei Drittel der Vorfälle ereignen sich innerhalb von Paarbeziehungen, ein Viertel betrifft das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern.
Häufig hätten die auffällig gewordenen Personen in ihrer eigenen Kindheit Gewalt erlebt, wodurch sich diese Verhaltensmuster im Erwachsenenleben reproduzieren.
Aus diesem Grund wird in Niederösterreich besonderes Augenmerk darauf gelegt, Kinder, die Zeugen von Gewaltdelikten im familiären Umfeld wurden, gezielt therapeutisch zu begleiten.