Unter den Trümmern des afghanischen Erdbebens offenbart sich ein doppeltes Drama: Während Männer gerettet werden, bleiben verletzte Frauen zurück – Opfer der Taliban-Regeln.
Nach dem verheerenden Erdbeben vom 31. August 2025 im Osten Afghanistans zeigt sich erneut die dramatische Situation der Frauen unter dem Taliban-Regime. Das Beben mit dem Epizentrum in den Provinzen Nangarhar und Kunar traf besonders fünf Distrikte in der Provinz Kunar, wo fast alle Opfer und Zerstörungen verzeichnet wurden. Seit der Machtübernahme der islamistischen Miliz im August 2021 sind Frauen systematisch ihrer Grundrechte beraubt worden – sie dürfen keine Bildungseinrichtungen besuchen, keiner Berufstätigkeit nachgehen und haben nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung. Die fatalen Konsequenzen dieser Unterdrückung werden nun bei der Bewältigung der Erdbebenkatastrophe besonders deutlich, die über 2200 Menschenleben forderte.
⇢ Schwere Erdbeben: Mindestens 250 Tote & 500 Verletzte
Die New York Times dokumentiert, wie religiöse Vorschriften die Rettungsarbeiten beeinträchtigten. Das nahezu ausschließlich männliche medizinische Personal zögerte demnach, weibliche Opfer zu bergen und zu versorgen. „Man hatte den Eindruck, als wären die Frauen nicht existent“, berichtet Tahzeebullah Muhazeb, der als freiwilliger Helfer in die Provinz Kunar gereist war. „Männer und Kinder erhielten Priorität bei der Behandlung, während die Frauen abseits warten mussten.“
Religiöse Einschränkungen
Die von den Taliban durchgesetzten Regeln untersagen jeglichen Körperkontakt zwischen nicht verwandten Männern und Frauen. Dies bedeutet, dass weibliche Erdbebenopfer ausschließlich von männlichen Familienangehörigen – Vätern, Brüdern, Söhnen oder Ehemännern – geborgen werden dürfen. Zusätzlich erschwert die Mahram-Regelung die medizinische Versorgung: Frauen dürfen in vielen Regionen ohne männlichen Begleiter keine Gesundheitseinrichtungen betreten. Muhazeb schildert, dass Rettungskräfte in manchen Fällen verstorbene Frauen an ihrer Kleidung aus den Trümmern zogen, um direkten Körperkontakt zu vermeiden.
„Man hat uns in einer Ecke zusammengedrängt und dann vergessen“, beschreibt die 19-jährige Aysha ihre Erfahrung nach dem Beben, das sie verletzt überlebte. Den weiblichen Opfern sei keine Unterstützung angeboten worden. Trotz ihrer Dankbarkeit für die Rettung ihres Sohnes und ihrer selbst zieht sie eine bittere Bilanz: „Als Frau in diesem Land wird man immer zuletzt wahrgenommen.“
UN fordert Hilfe
UN Women, die für Gleichstellung zuständige Organisation der Vereinten Nationen, bestätigt diese Beobachtungen. Die Vereinten Nationen warnen bereits seit Monaten vor der systematischen Ausgrenzung von Frauen und Mädchen aus dem öffentlichen Leben durch eine Vielzahl von Taliban-Edikten. „Frauen und Mädchen werden abermals die Hauptlast dieser Katastrophe tragen“, erklärt Susan Ferguson, UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan, in einem offiziellen Statement.
„Daher ist es unerlässlich, ihre Bedürfnisse ins Zentrum der Nothilfe- und Wiederaufbaumaßnahmen zu stellen.“