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Balkan Geschichte

BALKAN STORIES: Ich habe das Buch gesehen

Ein Symbol Bosniens. Im Guten wie im Schlechten

Nur, es ist nicht nur ein Schatz des Judentums. Vielleicht ist es das bosnischste Buch überhaupt.Es waren Museumsdirektor Jozo Petrović und Kurator Derviš Korkut, die dieses Buch 1941 unter Lebensgefahr aus dem Museum geschmuggelt haben. Der Katholik und der Muslim, der Kroate und der Albaner, verschworen sich spontan gegen einen SS-Offizier, der die Haggadah beschlagnahmen wollte.

Vermutlich sollte sie im Museum über das ausgelöschte Judentum ausgestellt werden, das die Nazis in Prag planten. Korkut übergab das Manuskript einem bosnjakischem Imam. Der versteckte die Haggadah bis zum Ende des Krieges. Auf dass sie Zeugnis liefere, wie sehr die Juden Sarajevos diese Stadt geprägt haben. Etwa 2.000 jüdische Einwohner Sarajevos überlebten die Shoah. Viele wurden von muslimischen oder katholischen Bewohnern der Stadt versteckt. Die orthodoxen Bewohner, Serben nach gängiger Lesart, hätten vermutlich gerne mitgeholfen, sahen sich aber selbst einem Völkermord ausgesetzt. Unter anderem rettete auch Derviš Korkut auf diese Art Mira Papos das Leben. Yad Vashem ehrt ihn als Gerechten unter den Völkern. (Siehe HIER)

Als serbische Truppen Sarajevo belagerten und das Nationalmuseum de facto an der Front lag, war die Haggadah eines der ersten Artefakte, das in Sicherheit gebracht wurde. Sie überstand den Bosnienkrieg im Tresor der bosnischen Nationalbank. Und wurde eines der Symbole des Widerstandes. Heute ist sie eine der wenigen einigenden kulturellen Klammern Bosniens.

FOTO: Balkan Stories

Und steht zugleich für das Verschwinden von Kulturen. Ladino, die Sprache der Juden, die sie einst geschrieben haben, ist praktisch ausgestorben auf den Straßen Sarajevos. Vor dem Zweiten Weltkrieg soll jeder dritte Einwohner die Sprache beherrscht haben.

Heute ist es eine Handvoll der 700 meist älteren Juden, die noch in der Stadt leben. (Reportage siehe HIER.) Auch Bosnien blutet aus. Nicht nur, dass das Land seit dem Krieg mit wenigen Ausnahmen ethnisch getrennt ist. Seine Einwohner wandern in Scharen aus. 3,8 Millionen Bosnier gibt es offiziell. Inoffiziell soll es deutlich weniger sein. Viele Bosnier, die ausgewandert sind, sind nach wie vor in ihren Heimatgemeinden gemeldet. Wenn es so weitergeht, wird man in 30 oder 40 Jahren für die Sarajevo Haggadah ein neues Zuhause finden müssen. In ihrer Heimat wird es niemanden mehr geben, dem man sie zeigen kann.

Eine aufwändige Reproduktion der Sarajevo Haggadah mit wissenschaftlichem Kommentar ist im Webshop des bosnischen Nationalmuseums (HIER) erhältlich.

Balkan Stories, Christoph Baumgarten

Christoph Baumgarten ist Journalist und Balkanreisender aus Leidenschaft. Seit 2015 verbindet er beide Leidenschaften auf seinem Blog Balkan Stories. Dort versucht er, Geschichten zu erzählen, für die es in größeren Medien meist keinen Platz gibt und stellt die Menschen in den Mittelpunkt.

Mehr von Christoph könnt ihr unter balkanstories.net nachlesen.

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