Zwischen Spielerschutz und Milliardeneinnahmen: Der neue Glücksspielgesetzentwurf polarisiert. Während die SPÖ auf Verschärfungen setzt, warnen Experten vor dem Exodus in die Illegalität.
Der Finanzminister der SPÖ, Markus Marterbauer, steht dem Glücksspiel distanziert gegenüber – eine Haltung, die auch sein Amtsvorgänger Magnus Brunner von der ÖVP teilte. Dennoch steht eine wichtige Entscheidung an: Die Konzessionen für die zwölf inländischen Casinos, die Lotterien und das Online-Gaming laufen 2027 aus. Die Neuverteilung erfordert ein umfassendes Verfahren, dessen Grundlage die Überarbeitung des Glücksspielgesetzes bildet. Bei dem kürzlich vorgelegten Ministeriumsentwurf zeichnet sich ein deutlicher SPÖ-Einfluss ab.
Der zur Verhandlung mit den Koalitionspartnern stehende Entwurf, dem die ÖVP vermutlich nicht zustimmen wird, sichert der Casinos Austria AG ihre Monopolstellung. Ein Glücksfall für den teilstaatlichen Glücksspielkonzern, an dem die Republik über die Staatsholding Öbag lediglich ein Drittel hält. Die Mehrheitsanteile liegen inzwischen beim tschechischen Allwyn-Konzern unter Führung des Milliardärs Pavel Komarek, der sich in einem harten Übernahmekampf gegen die niederösterreichische Novomatic-Gruppe des Unternehmers Johann F. Graf durchsetzte.
Für das Online-Gaming sieht der Entwurf deutliche Verschärfungen vor: Einsatz- und Gewinnlimits sowie ein Verbot von Jackpots. Die Regelungen orientieren sich an den Selbstbeschränkungen von win2day, der Lotterien-Tochter und einzigen legalen Online-Gaming-Plattform in Österreich. Zusätzlich plant Marterbauer, durch DNS- und Payment-Blocking zu verhindern, dass österreichische Spieler auf illegale Internet-Angebote ausweichen. Gegenüber dem KURIER betonte der Minister, dass für ihn „der Spielerschutz im Vordergrund“ stehe.
Steuerliche Auswirkungen
Ob dieser Ansatz zielführend ist, bleibt fraglich. Andreas Kreutzer, Leiter des Marktforschungsinstituts Branchenradar.com, vertritt eine andere Position: „Spielerschutz entsteht nicht durch unattraktive oder verknappte Angebote, sondern durch einen regulierten Markt, der mit illegalen Anbietern auch tatsächlich konkurrieren kann.“ Diese Einschätzung basiert auf einer umfangreichen Studie seines Instituts mit dem Titel „Neuausrichtung des Online-Glücksspiels in Österreich“, die verschiedene Regulierungsszenarien untersucht.
Angesichts der angespannten Haushaltslage gewinnen die potenziellen Steuereinnahmen besondere Bedeutung. Der Online-Markt verzeichnet ein starkes Wachstum. Die Umsetzung des aktuellen Entwurfs würde jedoch laut Berechnungen von Branchenradar.com die kumulierten Steuereinnahmen aus dem Online-Gaming zwischen 2026 und 2031 von 901 auf 600 Millionen Euro reduzieren. Bei einer teilweisen Marktöffnung mit neun Online-Lizenzen prognostizieren die Marktexperten dagegen Steuereinnahmen von 1,66 Milliarden Euro.
Noch höhere Einnahmen für Marterbauers knappe Kassen verspricht laut Studie eine weitergehende Liberalisierung mit 15 Lizenzen – so viele seriöse Interessenten werden erwartet. Die geschätzten 1,88 Milliarden Euro könnten dem Finanzminister mehrere Jahre lang die Gegenfinanzierung der Mehrwertsteuer-Senkung auf Lebensmittel ermöglichen.
Natürlich möchte die Politik nicht, dass die Österreicher vermehrt Glücksspiele nutzen. Kreutzer argumentiert, dass dies auch nicht eintreten würde. Nach eigenen Angaben erreicht win2day derzeit eine Kanalisierungsrate von knapp unter 50 Prozent. Das bedeutet, dass mehr als die Hälfte des Online-Geschäfts von illegalen Anbietern abgewickelt wird, die ohne Konzession aus dem Ausland operieren – einige davon versteuern ihre Einnahmen. Branchenkenner vermuten, dass der tatsächliche Anteil unversteuerten Glücksspiels deutlich höher liegt, möglicherweise bei bis zu 70 Prozent.
Illegales Glücksspiel
„Die Regierung kann jetzt endlich die Chance ergreifen, einen modernen und konkurrenzfähigen legalen Markt zu schaffen, bei dem den Illegalen schwarz vor Augen wird“, so Kreutzers Argumentation. Bislang sei es keiner Demokratie gelungen, illegales Glücksspiel durch DNS- und Paymentblocking wirksam zu unterbinden.
Das Marktforschungsinstitut widerspricht der Annahme, dass eine drastische Verschärfung der Spielbedingungen bei gleichzeitigem Festhalten am Monopol illegales Spiel eindämmen könne. Im Gegenteil: Die Studie konstatiert, dass der Staat „offensichtlich weder in der Lage ist, das Monopol effektiv zu verteidigen, noch auf andere Art und Weise den natürlichen Spieltrieb der Bevölkerung zu kanalisieren“.
Im österreichischen Online-Glücksspiel existiert derzeit faktisch kein gesetzlicher Spielerschutz. Experten räumen den Plänen, illegale Anbieter mittels DNS- und Payment-Blocking auszusperren, wenig Erfolgsaussichten ein. Kein europäisches Land sei damit erfolgreich, ergaben die Recherchen der Studienautoren von Branchenradar.com bei den zuständigen Behörden in Großbritannien, der Schweiz und der EU. DNS-Blocking lasse sich am einfachsten durch einen VPN-Zugang umgehen, der im Internet kostenlos verfügbar ist. Alternativen seien die Verschleierung der eigenen IP-Adresse, die Änderung des DNS-Servers oder die Nutzung eines Tor-Browsers, der weltweiten Zugriff auf jede Website ermögliche.
Payment-Blocking könne durch anonyme Zahlungsmethoden wie Paysafecard und Kryptowährungen sowie häufig durch internationale Zahlungsdienstleister umgangen werden. Aufwändiger sei die Eröffnung eines Kontos bei einer ausländischen Bank. Zum Thema Spielerschutz: Novomatic und die Landeskonzessionäre für Automatenspiele hatten sich auf einen freiwilligen Sperrverbund geeinigt und ein entsprechendes Modell entwickelt. Damit sollte verhindert werden, dass Spieler, die bei einem Anbieter gesperrt sind, einfach zu einem anderen wechseln können. Die Casinos-Austria-Gruppe verweigerte jedoch die Teilnahme mit Verweis auf den Datenschutz ihrer Kunden.
Wie gelangen Nutzer überhaupt zum Online-Gaming? Laut der Studie machen viele Spieler ihre ersten Glücksspielerfahrungen über Sportwetten. Fast alle Sportwetten-Plattformen (ausgenommen jene mit österreichischer Endkennung .at) bieten auch Online-Glücksspiel an. Die Beliebtheit von Online-Sportwetten ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Besonders Fußball-Großereignisse wirken als Katalysator: 2022 und 2024 (Weltmeisterschaft und Europameisterschaft) stieg der Anteil der über 18-jährigen Österreicher, die online wetteten, von 12 auf 16 Prozent.
Die Zahl ausländischer Plattformen ist beträchtlich. Cerha Hempel identifizierte 2025 etwa 820 von Österreich aus zugängliche Websites mit illegalen Angeboten. Die Eidgenössische Spielbankenkommission schätzt die Zahl illegaler Glücksspiel-Domains auf knapp 1.300, während die italienische Aufsichtsbehörde sogar 9.900 Internet-Adressen auflistet.
Kreutzers Schlussfolgerung: Ein attraktiveres legales Angebot würde trotz strenger Regulierung den Spielerschutz verbessern, da die Konsumenten nicht auf den Schwarzmarkt ausweichen würden. Neben Österreich halte in der EU nur noch Polen an einem Monopolsystem fest. Als warnendes Beispiel dient Deutschland. Dort halbierten sich nach einer drastischen Einschränkung des Online-Glücksspiels im Jahr 2021 trotz DNS-Blocking die Steuereinnahmen.
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Die Spieler akzeptierten die Beschränkungen nicht und wichen in die Illegalität aus, insbesondere die intensiven Nutzer. In einer Umfrage der Universität Limburg gaben 42 Prozent an, sie würden „eine andere Online-Plattform mit besseren Spielbedingungen finden“.