Alarmierender Trend: Hate Crimes in Österreich steigen um 20 Prozent. Besonders Straftaten aus weltanschaulichen Motiven nehmen drastisch zu, während das Internet zum Haupttatort wird.
Die Zahl der erfassten Hate Crimes (vorurteilsmotivierte Straftaten) ist im vergangenen Jahr erheblich gestiegen. Laut dem aktuellen Hate-Crime-Bericht registrierte die Polizei 2024 insgesamt 6.786 vorurteilsmotivierte Straftaten – ein Anstieg von rund 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr (5.668). Als häufigstes Motiv wurde erneut die Weltanschauung dokumentiert, die mit 3.935 Nennungen einen Zuwachs von 45 Prozent verzeichnete. Die Aufklärungsquote bei diesen Delikten blieb mit 67 Prozent auf dem Niveau des Vorjahres.
Der am Dienstag veröffentlichte Bericht des Innenministeriums weist insgesamt 7.614 dokumentierte Vorurteilsmotive auf, da einzelne Taten mehrere Motive umfassen können. Nach der Weltanschauung folgt die nationale bzw. ethnische Herkunft mit 1.581 Nennungen als zweithäufigstes Motiv. Dahinter reihen sich Religion (763), Hautfarbe (417) und sexuelle Orientierung (317). Letztere wurde 2024 um 29 Prozent seltener als Tatmotiv erfasst als im Jahr zuvor. Weitere erfasste Motive umfassen das Geschlecht (238), den sozialen Status (136), Behinderungen (125) sowie das Alter (102).
Bei den am häufigsten registrierten Straftaten dominieren Verstöße gegen das Verbotsgesetz (Gesetz gegen nationalsozialistische Wiederbetätigung) mit 2.952 Motiven. Es folgen Sachbeschädigungen (1.396), Körperverletzungen (661), Verhetzungen (599) und gefährliche Drohungen (506). Von gewaltbezogener Hasskriminalität waren 1.619 Personen betroffen, davon 63 Prozent Männer. In diesen Fällen stellte die nationale bzw. ethnische Herkunft das vorherrschende Motiv dar.
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Regionale Unterschiede
Im Verhältnis zur Wohnbevölkerung wurden in Salzburg, Wien und Kärnten die meisten Vorurteilsmotive erfasst, während das Burgenland die niedrigste Rate aufweist. Ein Viertel der Taten ereignete sich im öffentlichen Raum, etwa sieben Prozent im privaten Umfeld. Bei frauenfeindlichen Delikten überwiegt allerdings der private Bereich. Transfeindliche Motive wurden vorwiegend im öffentlichen Raum registriert, hauptsächlich in Form von Körperverletzungen (10 Vorurteilsmotive), gefährlichen Drohungen und Sachbeschädigungen. Bei der Kategorie „Divers/Inter“ dominierten Verhetzungsdelikte (6 Vorurteilsmotive).
Mit knapp 2.000 Vorurteilsmotiven erwies sich das Internet als häufigster Tatort – drei Viertel davon entfielen auf Verstöße gegen das Verbotsgesetz. Auch jedes zweite rassistische Motiv wurde online verzeichnet. Unter den antireligiösen Hasspostings waren zwei Drittel antisemitisch und ein Drittel antimuslimisch ausgerichtet.
Täterprofile
Bei den Tatverdächtigen fällt auf, dass – wie bereits in den Vorjahren – Minderjährige im Vergleich zur Gesamtkriminalität überproportional vertreten sind. Mit 86 Prozent waren die meisten Tatverdächtigen männlich, was den Anteil bei der Gesamtkriminalität (78 Prozent) übertrifft. Der Anteil ausländischer Staatsbürger unter den Tatverdächtigen liegt bei Hate Crimes mit 26 Prozent deutlich unter dem Wert der Gesamtkriminalität (47 Prozent). So wurden beispielsweise bei drei von fünf Straftaten mit frauenfeindlichen Motiven österreichische Staatsbürger als tatverdächtig ermittelt. Lediglich bei alters- und muslimfeindlichen Delikten war das Verhältnis zwischen österreichischen und ausländischen Tatverdächtigen nahezu ausgeglichen.
Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) warnte in seinem Vorwort zum Bericht: „Die jüngsten Fälle des im März 2025 aufgedeckten Netzwerks zeigen auch, wie schnell Hetze zu realer Gewalt eskalieren kann.“ Bei einer damaligen Razzia wurden mehrere Personen festgenommen, die homosexuelle Opfer – denen sie fälschlicherweise Pädophilie unterstellten – ausgeraubt, verletzt und erniedrigt haben sollen. Gleichzeitig betonte Karner, dass „die Wirkung der langjährigen bundesweiten Schulungen und der systematischen Ermittlungs- und Präventionsarbeit der Polizei sichtbar“ werde. Dem Bericht zufolge werden homophobe Motive am stärksten registriert und bestehen – ähnlich wie bei Bisexualität – zu mehr als einem Viertel aus Körperverletzungen.
Online-Hassdelikte als Schwerpunkt
Analysen von Polizei und Opferschutzorganisationen führen den starken Anstieg weltanschaulich motivierter Hassverbrechen insbesondere auf eine Zunahme von Verstößen gegen das NS-Verbotsgesetz sowie auf verstärkte Online-Aktivitäten zurück. Im Internet werden drei Viertel aller Hasspostings als Verstöße gegen das Verbotsgesetz gewertet, wobei antisemitische und antimuslimische Inhalte unter den religiös motivierten Hassdelikten dominieren.
Die regionale Auswertung des Berichts bestätigt, dass Salzburg, Wien und Kärnten gemessen an der Wohnbevölkerung die höchste Dichte an Vorurteilsmotiven aufweisen. Ein Viertel aller Straftaten mit Vorurteilsmotiv wurde im Internet begangen, was die wachsende Bedeutung digitaler Plattformen als Austragungsorte für Hasskriminalität unterstreicht.
📍 Ort des Geschehens
Die gesonderte Erfassung von Hate Crimes erfolgt seit 2020, den entsprechenden Jahresbericht gibt es seit 2022.