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INTERVIEW

Karmasin: „Familie und Beruf: kein Entweder-oder“

FOTO: Diva Shukor

Interview: Die Bundesministerin für Familien und Jugend, Sophie Karmasin, über die Herausforderungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Mobbing im Internet, deren Prävention und die geplanten Maßnahmen für 2017.

KOSMO: Social Media  können für Kinder und Jugendliche gefährlich werden können. Was raten Sie Müttern und Vätern diesbezüglich?
Sophie Karmasin: Digitale Medienkompetenz ist eine Kulturtechnik, welche wir heute alle kennen und beherrschen müssen. Dies bedeutet, dass man sich der Chancen und Risiken bewusst sein muss. Während die Jugendlichen eher auf die Vorteile reflektieren, sind bei den Eltern zumeist die Nachteile im Fokus. Beide Seiten brauchen das Gesamtbild. Daher haben wir als Familien- und Jugendministerium diverse Ebenen der digitalen Medienweiterbildung aufgesetzt, wo wir umfassende Tools, Unterlagen und Beratungen bieten, um diese Themengebiete umfassend zu bearbeiten. Hierzu gehören unter anderem Webinare, welche für Eltern besonders spannend sind, und die Medienjugendinfo, wo Jugendliche den richtigen Umgang mit Photoshop, Social Media, Anonymität im Netz etc. lernen.

An wen können sich Opfer von Diskriminierung wenden und wie sollen Eltern damit umgehen, wenn ihre Kinder sich als Täter herausstellen?
Der erste Schritt ist auf jeden Fall eine Beratung. Ein guter Austausch mit einem Experten ist solchen Situationen unabdingbar.  Zum Beispiel hat „Safer Internet“   ein großes Kontingent an Fachleuten , welche über langjährige Erfahrung in Täter- und Opferfällen verfügen. Ebenso bietet  das Familienservice sehr gute Hilfestellungen. Das Wichtigste ist jedoch, nicht zu zögern, sondern sofort zu handeln. Aggression und Bloßstellung sind für Kinder extrem belastend und können schwerwiegende, gar existenzbedrohende Folgen haben.

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Glauben Sie, dass eine Sperre diverser Internetinhalte auf den Geräten zu Hause, Kinder schützen kann?
Wir haben bereits unterschiedlichste Symposien in diesem Zusammenhang abgehalten, um diese Fragen zu diskutieren. Es hat sich herausgestellt, dass die pädagogisch zielführendste Herangehensweise der ständige Dialog mit den Kindern und den Jugendlichen ist und nicht einfach autoritäre Verbote auszusprechen. Es ist so einfach bei einem Freund, die von den Eltern ungewollten Inhalte zu sehen und zu nutzen. Gemeinsames Ansehen von Internetinhalten und der kritischen Auseinandersetzung damit führt innerhalb der Familie  zu einem größeren Bewusstsein für die Problematik.

Eine weitere Herausforderung der schnelllebigen Zeit ist mit Sicherheit die Vereinbarung von Familie und Beruf. Gibt es Ihrerseits auch Maßnahmen für Unternehmen?
Die Frage der Vereinbarkeit ist für uns ein zentrales Thema, vor allem  hinsichtlich des übergeordneten Ziels, dass Kinder und Familien ein qualitativ hochwertiges Leben führen können – ohne Einschränkungen und Zurückstecken.   Hier arbeiten wir sehr intensiv mit  Unternehmen zusammen, um Angebote zu schnüren, damit familienfreundliche Arbeit möglich wird. Dazu haben wir das Netzwerk „Unternehmen für Familien“ aufgesetzt, in dessen Rahmen anhand ganz praktischer Beispiele gezeigt wird, wie eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung erzielt werden kann.  Ziel ist es, dass sich andere Unternehmen etwas abschauen können.Hier gibt es jedoch kein Standardkonzept  ‑ es muss individuell je nach Branche, Unternehmensgröße und Region erstellt werden.

Die Vereinbarung von Familie und Beruf ist der Ministerin ein großes Anliegen, weshalb durch Bundeszuschuss 20.000 Kindergartenplätze enstanden. (FOTO: Diva Shukor)

Arbeit von Zuhause, bzw. Homeoffice wird eine immer beliebtere Alternative.  Besteht die Gefahr, dass es eine zu starken Verwebung von Privat- und Berufsleben entsteht?
In vielen Berufen und Bereichen ist es Alltag geworden, dass eine strikte Abgrenzung von Arbeit und Privat nicht mehr in der gleichen Art und Weise möglich ist, wie dies früher der Fall war. Smartphones und das Internet ermöglichen es uns immer erreichbar zu sein, daher ist es keine Seltenheit, dass viele am Abend zu Hause sitzen und ihre E-Mail bearbeiten, ohne dies als Arbeitszeit zu berechnen. Da dies schier unmöglich zu trennen ist, ist es viel fairer zu sagen, dass ich am Ende des Tages zwei Stunden arbeite und diese Zeit auch regulär verrechnet bekomme als es nebenher einfach so  zu machen.

Es hat manchmal den Anschein, als ob es heute zwei extreme Einstellungen bei Frauen gibt –Kinder oder Karriere. Gibt es hier wirklich nur schwarz oder weiß?
Genau dies wollen wir verändern, es sollte nie entweder Familie oder Beruf heißen. Daher möchten wir möglichst viele Angebote schaffen, welche den Frauen ermöglichen, selbstbestimmt und nicht aufgrund des Willens des Arbeitgebers oder der Gesellschaft zu entscheiden. Eine Sache ist jedoch klar: Um dies zu erreichen, brauchen wir mehr flexible und erreichbare Kinderbetreuungsmöglichkeiten und die Unterstützung der Väter sowie der Unternehmer.

Migrantenfamilien wird oftmals eine strikte patriarchalische Struktur nachgesagt, welche Frauen unterdrücken und ihrer Rechte berauben.
Wir dürfen hier nicht verallgemeinern oder uns täuschen lassen, denn es gibt sehr wohl auch in österreichischen Familien sehr traditionelle Familienmodelle, wo Männer das Sagen haben. Möglichweise ist dies bei einigen Migrantenfamilien aufgrund ihres kulturellen Kontextes stärker. Allerdings bleibt die Tatsache, dass es das gute Recht, die Verantwortung und die Pflicht der Frauen sich selbst gegenüber ist, dies nicht einfach so zu akzeptieren. Das bedeutet, dass man sich mit anderen ähnlich denkenden Frauen zusammenschließt und wenn notwendig auch Beratung in Anspruch nimmt. Das Zurückziehen und eine Akzeptanz dieser familiären Strukturen ist mit Sicherheit keine Lösung.

„Eltern-Kind-Büros, Mitnahme von Essen aus der Kantine, flexible Arbeitszeiten und vieles mehr sind schon lange wettbewerbsfähig.” (FOTO: Diva Shukor)

Immer mehr junge Väter äußern den Wunsch auch in Karenz zu gehen.,waren aber oftmals über die gesetzlichen Rahmenbedingungen besorgt. Dies soll sich nun ab 1. März ändern…
Mit dem 1. März wird das Kindergeldkonto umgesetzt, das eine fixe Summe pro Kind vorsieht, die man auf Tagesbasis individuell und flexibel anpassen kann. Damit ist es für die Familien leichter planbarer und transparenter. Besonders wichtig war mir auch, dass die Väterbeteiligung berücksichtigt wird. Dies geschieht im Rahmen des sogenannten Partnerschaftsbonuses in der Höhe von 1.000 Euro und dem bezahlten Familienmonat direkt nach der Geburt .

Vergangenen Dezember feierten Sie ihr dreijähriges Jubiläum im Amt. Welche Punkte auf ihrer To-Do-List haben Sie bereits abhaken können und welche stehen noch für heuer offen?
Abgehakt ist die Erhöhung der Familienbeihilfe und die Einführung der Antragslosigkeit , ebenso die größte Ausbauoffensive seitens des Bundes im Bereich der Kinderbetreuung.  Wir haben die Beratungsstelle Extremismus, sowie zahlreiche Apps, Webinare und dergleichen eingeführt. Das bereits erwähnte Kindergeldkonto zählt ebenso zu den abgearbeiteten Punkten. Dieses Jahr steht noch der Bildungskompass an. Ein zentraler Schwerpunkt unserer Arbeit 2017 ist auch die Indexierung die Familienbeihilfe für Kinder, die im Ausland leben, sowie die Nicht-Raucherprävention und die Anhebung des Schutzalters auf 18 Jahre.