**Firmen verschwinden über Nacht – und tauchen unter neuem Namen wieder auf. Dahinter steckt ein System, das Tausende Beschäftigte um ihr Geld bringt.**
Die Arbeiterkammer Wien schlägt Alarm: Dubiose Unternehmen betreiben Sozialbetrug mit wachsender krimineller Raffinesse – und nutzen dabei offenbar gezielt Insolvenzen als Teil ihres Geschäftsmodells. Von organisiertem Sozialbetrug spricht die AK Wien, die ihre Erkenntnisse im Rahmen der Halbjahresbilanz der Stabstelle Betrugsbekämpfung präsentierte. Das Muster dahinter ist dabei besonders heimtückisch: Firmen lösen sich über Nacht auf und erscheinen kurz darauf unter anderem Namen wieder am Markt – während ihre Beschäftigten oft gar nicht mitbekommen, dass sie längst einen neuen Arbeitgeber haben.
Alarmierende Bilanz
Die Halbjahresbilanz zeichnet ein besorgniserregendes Bild. Bis Ende Juli 2026 hat die Stabstelle Betrugsbekämpfung insgesamt 96 Fälle bearbeitet; in 57 davon wurde Anzeige wegen Unterentlohnung erstattet. Insgesamt 500 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben offene Lohnforderungen in einer Gesamthöhe von 3,6 Millionen Euro – ein Anstieg von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Sobald derartige Fälle in den Fokus der AK Wien geraten, beginnt eine systematische Analyse: Die Stabstelle wertet Informationen aus laufenden Arbeitsrechtsfällen aus, durchleuchtet Unternehmensstrukturen und gibt begründete Verdachtsfälle an die zuständigen Behörden weiter. Wie gravierend die Zustände in der Praxis sein können, zeigt das Beispiel von sechs Arbeitern aus Nepal, die von haarsträubenden Arbeitsbedingungen berichteten. Sie hatten für ihre Vermittlung nach Wien bezahlt, ihre Reisepässe wurden ihnen abgenommen, und statt der vereinbarten sechs Stunden arbeiteten sie täglich zwölf.
Geleistete Überstunden und Zuschläge blieben unbezahlt – obwohl der kollektivvertragliche Mindestlohn bei 11,17 Euro pro Stunde liegt. Die AK Wien klagte die ausstehenden Lohnforderungen ein und erstattete Anzeige wegen des Verdachts auf Lohn- und Sozialdumping. Arbeitsrechtsexpertin Andrea Ebner-Pfeifer von der Stabsstelle Betrugsbekämpfung der AK Wien erklärt: „Organisierter Sozialbetrug funktioniert über die Verschleierung von Verantwortung. Einzelne Fälle wirken oft unspektakulär. Erst wenn man alle Fäden zusammenführt, zeigt sich ein Muster. Unsere Aufgabe ist es, diese Strukturen sichtbar zu machen, damit Beschäftigte zu ihrem Recht kommen und Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden können.“
AK fordert Konsequenzen
Das eigentliche Problem liegt aus Sicht der AK Wien nicht im Fehlen von Regeln, sondern in deren gezielter Umgehung. Weil die Strafen für Lohnbetrug und das Vorenthalten von Sozialabgaben in manchen Fällen vergleichsweise gering ausfallen, könnte sich das betrügerische Vorgehen für manche Unternehmen schlicht rechnen. Nach dem Lohn- und Sozialdumping-Bekämpfungsgesetz können bei Verstößen Geldstrafen von 1.000 Euro bis 50.000 Euro verhängt werden. Bei qualifizierter Wiederholung kann die Geldstrafe bis zu 100.000 Euro betragen. Die AK Wien fordert daher schärfere Haftungsregelungen, empfindlichere Strafen und eine intensivierte Kontrolltätigkeit.
Ludwig Dvorak, Bereichsleiter Arbeitsrechtliche Beratung und Rechtsschutz der AK Wien, betont: „Der Kampf gegen Lohn- und Sozialbetrug ist nicht nur eine Frage von fairer Arbeit. Er ist eine Notwendigkeit, um ehrliche Unternehmen zu schützen und die gesetzlich vorgesehene Erhöhung der Beiträge zu Insolvenzfonds begrenzen zu können.“