Angesichts neuer Temperaturrekorde, die Meteorologen für die kommenden Jahre prognostizieren, sucht die österreichische Gesellschaft nach Wegen, den Alltag an die veränderten klimatischen Bedingungen anzupassen. In diesem Zusammenhang gewinnt die Debatte um eine mögliche Einführung der Siesta nach südeuropäischem Vorbild an Fahrt – ein Modell, bei dem die Arbeit während der heißesten Tagesstunden, also etwa zwischen 14.00 und 17.00 Uhr, ruht und anschließend bis in den Abend hinein fortgesetzt wird.
Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) begegnet dem Konzept mit grundsätzlicher Offenheit, insbesondere mit Blick auf Tätigkeiten unter freiem Himmel – etwa im Bau oder in der Landwirtschaft. „Eine längere Pause am Nachmittag während der größten Hitze- und UV-Belastung, also eine Veränderung der Lage der Arbeitszeit, könnte unter Einhaltung der kollektivvertraglichen Regelungen jedenfalls eine sinnvolle Vereinbarung sein“, so ÖGB-Arbeitsrechtsexpertin Verena Weilharter zum KURIER. In Österreich sind rund 400.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer als Outdoor-Beschäftigte tätig und damit besonders von Hitze bei der Arbeit betroffen.
Branchenweise Reaktionen
Auch die Gastronomie, die derzeit unter den Folgen anhaltender Hitzeperioden leidet, könnte von einer geteilten Arbeitszeit profitieren. Der Fachverband Gastronomie in der Wirtschaftskammer (WKÖ) verweist darauf, dass bereits Anpassungen stattfinden: „Insbesondere während der Mittags- und Nachmittagsstunden sinkt die Gäste-Frequenz. Einige Betriebe reagieren darauf mit angepassten Öffnungszeiten und richten ihren Fokus verstärkt auf das Abendgeschäft.“
Franz Bernthaler, Geschäftsführer der Culinarius Gruppe, bestätigt diesen Trend aus der Praxis: „Wir beobachten, dass Hitze das Konsumverhalten deutlich verändert.“ Er geht davon aus, dass künftig immer mehr Gastronomiebetriebe ihr Mittagsangebot reduzieren und ihre Öffnungszeiten entsprechend anpassen werden. Neben beschatteten Außenbereichen und klimatisierten Innenräumen gewinnen dabei auch flexible Arbeitszeitmodelle – darunter das Siesta-Prinzip – zunehmend an Relevanz.
Im Handel zeigt sich ein gemischtes Bild. Rainer Trefelik, Bundesobmann der WKÖ-Sparte Handel, berichtet dem KURIER, dass vor allem Geschäfte in den Innenstädten rund um die Mittagszeit und am Nachmittag mit deutlich weniger Kundschaft konfrontiert sind. Der Unternehmer, der selbst ein Bekleidungsgeschäft im Wien-Innere Stadt führt, steht einer Verlagerung oder Aufteilung der Öffnungszeiten jedoch skeptisch gegenüber: „Immerhin wissen wir nie, wann die Kunden bei der Tür hereinkommen.“
Zwar passen einzelne Händler ihre Zeiten individuell an, doch für eine flächendeckende Umsetzung der Siesta wäre nach Einschätzung Trefeliks ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel notwendig: „Dann müsste die gesamte Gesellschaft mitmachen.“ Hinzu kommt, dass nicht alle Betriebe gleichermaßen unter der Hitze leiden. Für viele Händler fungieren ihre klimatisierten Geschäftslokale geradezu als Abkühlungsorte – Shoppingcenter etwa werden von Kunden gezielt aufgesucht, um der Hitze zu entkommen.
Kritik der Arbeiterkammer
Die Arbeiterkammer (AK) hingegen steht dem Siesta-Modell mit deutlicher Zurückhaltung gegenüber. Albert Werfring, Arbeitsrechtsexperte in der Abteilung Sozialpolitik der AK Wien, räumt gegenüber dem KURIER zwar ein, dass eine geteilte Arbeitszeit im Einzelfall durchaus sinnvoll sein kann – für die Mehrheit der Arbeitnehmer bringe sie jedoch „mehr Probleme mit sich, als sie zu lösen vermag“. In der Reinigungsbranche, wo geteilte Dienste bereits verbreitet sind, zeige sich, dass dieses Modell häufig zulasten der Beschäftigten gehe.
Konkret nennt Werfring zwei zentrale Problemfelder: Eltern mit Betreuungspflichten stünden vor dem Dilemma, dass Schulen und Kindergärten keine Siesta kennen – eine Verschiebung der Arbeitszeit in die Abendstunden erschwere daher die Kinderbetreuung erheblich. Auch für Pendler sei das Modell wenig praktikabel: „Wenn ich eine Stunde lang in die Arbeit fahre, dann kann ich die Freizeit in der Siesta gar nicht effektiv nützen.“