Mathe läuft, Lesen hakt: Österreichs Volksschüler liefern ein gespaltenes Bild – mit deutlichen Unterschieden je nach Wohnort.
Österreichs Volksschülerinnen und Volksschüler zeigen in Mathematik weiterhin eine positive Entwicklung: 84 Prozent der Viertklässler haben die geltenden Bildungsstandards in diesem Fach zuletzt erreicht oder sogar übertroffen. Seit den ersten Bildungsstandardüberprüfungen im Jahr 2010 steigen die Mittelwerte in Mathematik kontinuierlich – auch gegenüber der vorangegangenen Erhebung aus dem Jahr 2018 ist ein Zuwachs zu verzeichnen.
Der Anteil jener Schülerinnen und Schüler, die die vorgesehenen Kompetenzen übertreffen, ist seit damals leicht auf 18 Prozent gestiegen. Nahezu unverändert geblieben ist hingegen der Anteil der Kinder, die am Ende der Volksschulzeit die Standards nicht oder nur in Teilen erfüllen und nicht einmal grundlegende mathematische Routinen beherrschen – er liegt bei acht beziehungsweise neun Prozent. Auch im internationalen Vergleich, etwa in der TIMSS-Studie, schneidet Österreich in Mathematik seit Jahren überdurchschnittlich ab und verbessert sich kontinuierlich.
Schwächen im Lesen
Anders stellt sich die Lage in Deutsch dar: Im Kompetenzbereich Lesen haben in den Jahren 2023 bis 2025 lediglich 59 Prozent der Viertklässler die Bildungsziele zumindest erreicht, wie aus dem am Dienstag vorgestellten Ergebnisbericht zur individuellen Kompetenzmessung PLUS (iKM PLUS) hervorgeht. Besonders gravierend ist die Situation an Brennpunktschulen. Gegenüber dem Jahr 2015, als zuletzt Bildungsstandards in Deutsch erhoben wurden, sind im Bereich Lesen keine Fortschritte erkennbar.
Dem aktuellen Bericht für die Schuljahre 2022/23 bis 2024/25 zufolge haben 15 Prozent der Volksschulabgängerinnen und -abgänger die Lesestandards zuletzt nicht erfüllt, weitere 27 Prozent schafften sie nur teilweise – 2015 lagen diese Werte bei 13 beziehungsweise 25 Prozent. Der Mittelwert im Lesen ist gegenüber 2015 nochmals leicht gesunken, der Anteil besonders lesestarker Kinder blieb mit sieben Prozent nahezu unverändert niedrig. Im Kriterium „Sprachliche Richtigkeit“ – also korrekter Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung – haben 73 Prozent die Standards nicht oder nur teilweise erreicht.
Beim Vergleich der Ergebnisse über die Jahre hinweg weisen die Studienautorinnen und -autoren des Instituts des Bundes für die Qualitätssicherung im österreichischen Schulwesen (IQS) auf wichtige Kontextfaktoren hin: Seit 2009 ist der Anteil von Kindern mit einer anderen Erstsprache als Deutsch an österreichischen Schulen deutlich gestiegen, gleichzeitig hat der Anteil von Eltern mit höherem Bildungsabschluss zugenommen. Noch nicht abschließend beurteilbar sind zudem die Folgen der vorübergehenden Umstellung auf Distance Learning während der Coronapandemie ab 2020, von der alle getesteten Kinder betroffen waren.
Die Ergebnisse zwischen den Bundesländern unterscheiden sich in den meisten Fällen nur geringfügig. Eine deutliche Ausnahme nach oben bildet das Burgenland, das sowohl im Lesen als auch in Mathematik Spitzenwerte erzielt (532 bzw. 528 Punkte bei einem österreichweiten Mittelwert von 500). Bemerkenswert ist dabei, dass das Burgenland nicht nur insgesamt herausragende Ergebnisse liefert, sondern diese sogar signifikant über dem Wert liegen, der angesichts der sozialen Zusammensetzung der Schülerschaft zu erwarten gewesen wäre.
Städte unter Schnitt
Signifikant unter dem österreichischen Durchschnitt bleiben Wien mit 482 Punkten in Mathematik und 475 im Lesen sowie Vorarlberg mit 485 Punkten in Mathematik. In Wien fallen rund 58 Prozent der Schulen in die untersten beiden Kategorien der „Sozioökonomischen Ausgangslage“ (SÖL), unterrichten also überdurchschnittlich viele Kinder mit Migrationshintergrund, einer anderen Erstsprache als Deutsch sowie Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss und geringem Einkommen. Im restlichen Österreich fallen lediglich 14 Prozent der Schulen in die beiden Kategorien mit den schwierigsten Lernvoraussetzungen, in Vorarlberg sind es 24 Prozent.
Auch andere größere Städte schneiden vergleichsweise schwächer ab – dort konzentrieren sich gleichzeitig die meisten Schulen mit niedriger SÖL-Einstufung. In Mathematik liegen neun der 20 untersuchten Städte unter dem jeweiligen Bundesland-Mittelwert, darunter Linz, Wels, Steyr, Traun, St. Pölten, Wiener Neustadt, Innsbruck, Feldkirch und Eisenstadt. Besonders weit abgeschlagen sind unter anderem Wels mit 444 Punkten im Lesen und 449 in Mathematik, Traun mit 458 und 461, Feldkirch mit 467 und 466 sowie Wiener Neustadt mit 469 und 474 Punkten.
Zugleich zeigt die Studie, dass städtische Schulen gemessen an ihrer Schülerschaft gute Arbeit leisten: Vergleicht man ausschließlich Schulen mit ähnlicher sozialer Zusammensetzung, erreichen an städtischen Standorten mehr Kinder die Bildungsstandards als in mittel besiedelten Regionen oder im ländlichen Raum.
Im Rahmen der iKM PLUS werden jährlich alle Kinder der dritten und vierten Klasse Volksschule in den Fächern Deutsch/Lesen und Mathematik sowie alle Schülerinnen und Schüler der dritten und vierten Klasse Mittelschule und AHS-Unterstufe in Deutsch, Englisch und Mathematik getestet. Die Ergebnisse werden an Kinder, Eltern, Lehrkräfte, Schulleitungen und die Bildungsdirektionen der Bundesländer übermittelt. Lehrerinnen und Lehrer sollen die Daten zur individuellen Förderung und zur Weiterentwicklung ihres Unterrichts heranziehen; auf die Schulnoten haben die Testergebnisse keinen Einfluss.
Alle drei Jahre wird ein Bundesbericht mit den zusammenfassenden Ergebnissen und Trends auf Bundes- und Länderebene veröffentlicht. Der am Dienstag präsentierte Volksschulbericht ist der erste in einem neuen Format; parallel dazu erhält jede Schulleitung einen standortbezogenen Bericht mit Vergleichen zu Schulen ähnlicher Schülerstruktur. Die Ergebnisse für die vierte Klasse Mittelschule und AHS-Unterstufe sollen im Herbst folgen.
Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) bezeichnete die Befunde bei einer Pressekonferenz am Dienstag als „klaren Arbeitsauftrag“. Es sei zwar erfreulich, dass die Ergebnisse trotz Coronapandemie und Flüchtlingszustrom stabil geblieben beziehungsweise in Mathematik sogar gestiegen seien. Im Lesen seien die Resultate allerdings „nicht gut genug“, der weiter starke Einfluss des Elternhauses auf die Lernergebnisse sei „besorgniserregend“.
Über den Chancenbonus, durch den ab Herbst 400 Schulen in den beiden untersten SÖL-Kategorien zusätzliches Personal erhalten werden, könne man Mittel gezielt dort einsetzen, wo sie die größte Wirkung entfalten. Auch der verstärkte Fokus auf Deutschförderung – mit mehr Personal und erweiterten Möglichkeiten für Schulen, ihre Fördermaßnahmen am Standort selbständig zu gestalten – solle die Lesekompetenzen weiter stärken, so der Minister.