Ein kanadischer Ex-General zieht nach seinem Ukraine-Besuch eine ernüchternde Bilanz – und nennt nur zwei Wege aus dem Krieg.
Der pensionierte kanadische Generalleutnant Christopher Coates hält einen dauerhaften Frieden in der Ukraine für kaum erreichbar, solange Wladimir Putin das Ruder in Moskau in der Hand hält. Coates, der frühere Kommandant des Canadian Joint Operations Command, äußerte sich nach einem Besuch in der Ukraine gegenüber Ukrinform in bemerkenswerter Klarheit: Entweder erkämpfe sich die Ukraine einen militärischen Sieg, oder ein Machtwechsel in Russland müsse die Grundlage für einen echten Friedensprozess legen.
Territoriale Zugeständnisse an Russland würden nach seiner Einschätzung keinen stabilen Zustand herbeiführen, sondern allenfalls eine vorübergehende Atempause verschaffen. Sobald Moskau seine militärischen und wirtschaftlichen Kapazitäten regeneriert habe, könnten die imperialen Bestrebungen des Kremls erneut offen zutage treten.
Russlands Defensive
Russland sieht Coates strategisch in der Defensive. Moskau führe keinen Verteidigungskrieg, sondern einen politisch motivierten Angriffskrieg, der gewaltige Ressourcen binde und gleichzeitig nur bescheidene militärische Ergebnisse zeitige. Zwar halte der Kreml die innenpolitische Rückendeckung durch Propaganda und Medienkontrolle aufrecht, doch solche Systeme seien auf Dauer instabil.
Die enormen Verluste an Menschen, Material und wirtschaftlicher Substanz könnten Russlands Kriegsfähigkeit schrittweise aushöhlen. Zugleich mahnt Coates zur Vorsicht gegenüber überzogenem Optimismus. Die Lage entwickle sich zwar in Teilen zugunsten der Ukraine, ein unumkehrbarer Wendepunkt sei jedoch noch nicht in Sicht. Russland passe sich weiterhin an, und bereits kleinere Verschiebungen auf dem Schlachtfeld könnten den Kriegsverlauf wieder in eine andere Richtung lenken.
Besonderes Gewicht legt Coates auf die Rolle ukrainischer Drohnen. Der Krieg habe deutlich gemacht, dass moderne Kriegsführung nicht mehr allein von kostenintensiven Großsystemen abhänge. Die Ukraine verbinde günstig produzierte, in großen Stückzahlen verfügbare Technologien mit hoher Präzision und rascher Anpassungsfähigkeit.
Drohnen hätten klassische militärische Mittel zwar nicht verdrängt, aber eine neue operative Dimension eröffnet. Auch digitale Führungssysteme wie DELTA stünden exemplarisch dafür, wie die Ukraine zivile Technologien erfolgreich für militärische Zwecke nutzbar gemacht habe.
Westliche Unterstützung
Kritisch äußerte sich Coates zur westlichen Unterstützung, namentlich jener Kanadas. Diese sei zwar aufrichtig gemeint, jedoch häufig zu sehr von innenpolitischen Überlegungen geprägt und zu wenig an den tatsächlichen Erfordernissen der Front ausgerichtet gewesen. Entscheidend seien nicht Ankündigungen allein, sondern Geschwindigkeit, Praxistauglichkeit und die Frage, ob Hilfe tatsächlich dort ankomme, wo sie militärisch gebraucht werde.
Auch ukrainische Angriffe auf russische Öl- und Energieinfrastruktur ordnet Coates in eine übergeordnete Strategie ein. Solche Operationen könnten den Krieg zwar nicht für sich allein entscheiden, sie schmälerten jedoch russische Einnahmen, zwängen Moskau zur Umverteilung knapper Ressourcen und entfalteten darüber hinaus eine psychologische Wirkung auf beiden Seiten.
Solange Putin an der Macht bleibt und Russland seine imperialen Ziele nicht aufgibt, sieht der frühere kanadische General nur zwei realistische Grundlagen für dauerhafte Stabilität: eine eindeutige militärische Niederlage Russlands oder einen Machtwechsel in Moskau.