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REPORTAGE

„Nie mehr wird mich jemand misshandeln!“

FOTO: Radule Bozinovic

SIE GING DURCH DIE HÖLLE. Sie ist eine freundliche und sanfte Frau, verschlossen und vorsichtig, denn auf ihren Schultern lasten allzu schwere Erinnerungen. Sie wurde weder vom Leben noch von denjenigen gut behandelt, von denen man das normalerweise erwarten sollte.

Katarina N. (Der Name ist der Redaktion bekannt.) ist erst 44 Jahre alt, hat jedoch bereits genug Qualen für drei Leben durchlebt. Die Rückkehr in die Vergangenheit tut ihr weh, aber dennoch hat sie ihre Seele für KOSMO geöffnet.

Gewalt gibt es überall. Auch in Österreich. Im Jahre 2014 gab es 8.466 Polizeieinsätze wegen häuslicher Gewalt. Jede 5. Frau in Österreich wird ab ihrem 15. Lebensjahr Opfer von Gewalt oder Drohungen. 2011 wurden 7.450 Fälle häuslicher Gewalt angezeigt, deren Opfer jünger als 18 Jahre waren. 8.569 Anrufe verzeichnete das SOS-Telefon für missbrauchte Frauen in Wien im Jahre 2014. Vor drei Jahren wurden insgesamt 635 Frauen und 630 Kinder in den Schutz der Wiener Frauenhäuser aufgenommen.

„Wie viele Gastarbeiter gingen meine Eltern in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts aus Bosnien nach Deutschland, wo mein jüngerer Bruder und ich geboren wurden. Wahrscheinlich hätte sich mein Leben nicht von dem Tausender anderer unterschieden und ich hätte gute Erinnerungen an diese Zeit, wäre da nicht der ständige Terror meiner Mutter gewesen, an den ich mich seit meiner frühesten Kindheit erinnere. Sie war in der Familie immer dominant und mein Vater konnte oder wollte sich ihr nicht entgegenstellen. Ich ging in die Vorschule, lernte Deutsch und hatte in der Schule keine Probleme. Aber seit meinem achten Lebensjahr begann meine Mutter mich zu einer Frau zu erziehen, die ihrer Vorstellung einer guten Frau entsprach. Sie sagte immer wieder, dass das meine wichtigste Lebensaufgabe sei. Darum musste ich Pita backen, und wenn sie nicht gut war, schlug sie mich mit dem Nudelholz auf den Rücken. Jeden Tag um vier Uhr, wenn sie von der Schule kam, musste der Kaffee fertig auf dem Tisch stehen.

Wenn ich ihn nicht gekocht hatte oder wenn er der Mama nicht gut genug war, gab es Schläge. Mein Bruder, Mamas Liebling, war als Bub begünstigt und hatte keine Pflichten. Ich war eine gute Schülerin, obwohl zu Hause niemand mit mir arbeitete, und meine Eltern nie, aber wirklich niemals, in die Schule gingen, nicht einmal zur Elternversammlung. Sie konnten kein Deutsch, aber sie fanden es auch nicht wichtig, dass ich lernte, denn sie hatten bereits einen teuflischen Plan für mich. Ich wollte immer Chirurgin werden, aber wenn ich das laut sagte, unterbrachen sie mich, als hätte ich irgendeine Dummheit von mir gegeben. Neben guten Schulnoten brachte ich auch außerordentliche Leistungen in der Leichtathletik. Ich hatte Erfolge in Wettbewerben und darum wollten die Sportinstitutionen der Stadt, in der wir lebten, in mich investieren, damit ich diesen Sport ernsthafter betrieb.

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Das Jugendamt schaltete sich ein
Mit dem Sport begannen meine großen Probleme. Meine Mama verbot mir den Sportunterricht in der Schule, denn ihrer Überzeugung nach war es unnormal, dass sich ein Mädchen umzog und Sportkleidung trug und an Wettkämpfen teilnahm. Ich war erst zehn Jahre alt. Ich war in der fünften Klasse, als meine Lehrerin zu uns nach Hause kam und ihnen erklärte, dass der Sportunterricht in der Schule ein Pflichtfach war und dass es außerdem Pflicht war, für die Schule an Wettkämpfen teilzunehmen. Das machte meine Mutter zusätzlich wild und sie schlug mich noch stärker und regelmäßig. Ich versuchte, so sehr ein Kind in meinem Alter das kann, mit ihr zu reden.

Wenn sie es mit den Misshandlungen zu sehr übertrieb, erklärte ich ihr trotzig, dass sie einen Sklaven hätte bekommen sollen und keine Tochter, und wieder setzte es Schläge. Ich hatte regelmäßig blaue Flecken, was auch meine Lehrerin bemerkte, und so schaltete sich das Jugendamt in unsere traurige Familiengeschichte ein. Ich erinnere mich, wie sie zu uns nach Hause kamen, um mich zu holen. Mein Vater weinte sehr, aber meine Mutter war wütend und drohte, dass sie mich umbringen würde, denn sie glaubte, dass ich sie angezeigt hätte. Als ich zwölfeinhalb war, nahmen sie mich vorübergehend von meinen Eltern weg und gaben mich in ein Heim. Es ist traurig, dass ich das sagen muss, aber damals hatte ich zum ersten Mal Ruhe, niemand beleidigte und schlug mich. Zum ersten Mal war ich Kind. Drei Monate blieb ich dort, und dann verpflichtete sich mein Vater, sich mehr um mich zu kümmern, und versprach, dass es keine Misshandlungen und Schläge mehr geben würde. Natürlich konnte meine Mutter das Böse in sich nicht unterdrücken.

Wir waren noch ein Jahr in Deutschland und ich hatte die achte Klasse beendet, als meine Eltern sagten, dass wir nach Bosnien zurückgehen und unser Leben dort weiterleben würden. Mich brachten sie in das Dorf, wo bereits meine Tante lebte. Sie war die einzige Person in meinem Leben, die mir Liebe gab und sich um mich kümmerte. Meine Mutter und mein Bruder kehrten nach Deutschland zurück, wo sie noch immer lebten, und mein Vater reiste noch ein paar Jahre zwischen den beiden Ländern hin und her, bis er bei einem Autounfall ums Leben kam. Mir wurde verboten, weiter in die Schule zu gehen, und schon damals sagte meine Mutter, dass ich bald heiraten würde. Ich nahm diese Geschichte nicht ernst und glaubte, dass meine Tante, bei der ich geblieben war, mich schützen könnte. Gegen Mamas Willen meldete ich mich in der medizinischen Schule an, denn meinen Traum von der Chirurgie hatte ich niemals aufgegeben.

FOTO: Radule Bozinovic

Der verhängnisvolle 8. März
Aber mein Frieden hielt nicht lange. Ich war vierzehneinhalb Jahre alt an jenem 8. März, an dem Mama mir erklärte, dass mein zukünftiger Mann mich am Abend abholen würde. Sie behauptete, er sei fleißig, ordentlich und schön und eine ausgezeichnete Partie für mich. Er war 22 Jahre alt, meine Eltern kannten seine und Mama konnte sie manipulieren, denn sie hatte mehr Geld. Ich sagte, dass ich nicht heiraten würde, dass ich eine Ausbildung machen wollte, aber sie hörte mir nicht zu und Papa schwieg. Sie unterstrich, dass Bosnien nicht Deutschland sei und dass ich zu folgen hätte. Ich war noch nie verliebt gewesen und hatte in der Schule keinen einzigen Buben angeschaut, ich war noch ein richtiges Kind. Ich wusste nicht, wo ich Hilfe suchen konnte, denn ich war nur immer vorübergehend aus Deutschland in das Dorf gekommen; ich war vollkommen hilflos und meine Tante auch.

Am Abend kam mein Bräutigam mit seiner Mutter und seiner Schwester und sie nahmen mich mit. Niemand hörte meinen Protest und niemand sah meine Verzweiflung. Ich schwieg und hatte das Gefühl, das sei das Ende meines Lebens. In dieser Nacht machte er aus mir eine Frau, mit allem Elend und Schmerz. Ich konnte nicht glauben, dass es einen solchen körperlichen und seelischen Abscheu gab, auch wenn meine Tante versucht hatte, mich darauf vorzubereiten. Es war eine klassische Vergewaltigung, die sich in den nächsten Jahren, die ich mit ihm verbrachte, fortsetzte. Meine Hölle war fürchterlich. Der einzige lichte Punkt waren meine Besuche in der Schule. Denn als meine Tante gesehen hatte, dass sie mich vor der allzu frühen und ungewollten Heirat nicht schützen konnte, hatte sie meiner Mutter und der Familie meines Mannes die Bedingung gestellt, dass ich wieder in die Schule gehen müsse. Sie wusste etwas, das ihnen Angst machte, darum mussten sie zustimmen, denn sie drohte ihnen mit dem Gesetz. Er war wütend darüber und das musste ich zusätzlich ausbaden, aber ich habe das hingenommen, weil ich fürchtete, er würde mich sonst im Haus einsperren. Er schlug mich täglich und quälte mich bestialisch.

Er war nicht wählerisch, wenn es darum ging, womit er mich schlug: mit Fäusten, Füßen, Elektrokabeln, einem Uniformgürtel… Einmal versuchte sein Vater, mich zu verteidigen, aber mein Mann griff ihn körperlich an und daraufhin wagte er nie mehr, sich einzumischen, obwohl meine Schwiegermutter besser zu mir war als meine Mutter. Ich habe mich bei niemandem beklagt, ich war steif von den Schlägen. Einmal sah mich mein Cousin mit meinem Gesicht voller blauer Flecken im Bus, aber ich behauptete, mir sei bei der Gartenarbeit ein Missgeschick passiert. Er kam zu uns nach Hause und drohte meinem Mann, dass er mich nicht schlagen dürfe, aber diese Intervention machte mein Leben noch schwerer.

Er schlug mich auch, als ich schwanger war
Da ich nicht sofort schwanger wurde, behaupteten mein Mann und seine böswillige Schwester, ich sei unfruchtbar. Aber als ich nach anderthalb Jahren ein Baby erwartete, rettete auch das mich nicht vor den täglichen grausamen Schlägen. Es war so schrecklich, dass ich Gott bat, mich endlich sterben zu lassen, denn ich konnte es nicht mehr ertragen. Als unsere Tochter zur Welt kam, habe ich innerlich aufgeschrien, warum ein Mädchen? Damit auch sie einmal diese Schmerzen ertragen muss? Er war enttäuscht, und als ich 16 Monate später die zweite Tochter bekam, war ich schuld, dass kein Bub zur Welt gekommen war. Natürlich folgten Schläge. Die dritte Schwangerschaft folgte schon bald, wieder wurde ich geschlagen und misshandelt und der Bub wurde zu früh geboren und lebte nicht einmal drei Stunden. Wieder war ich schuld, denn ich war unfähig eine Schwangerschaft mit einem männlichen Kind auszutragen. Das war unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges. Zum Glück hatte ich die medizinische Schule abgeschlossen, indem ich nachts gelernt hatte, auch wenn er tobte. Wenn ich konnte, ging ich in die Schule, auch während der Schwangerschaft, und als meine Kinder noch klein waren, legte ich die Prüfungen ab. Er erwartete, dass ich die Schule aus Angst vor ihm abbrechen würde, und ich hatte wirklich fürchterliche Angst vor ihm. Aber ich wollte so sehr lernen, ich war so hungrig nach Wissen.