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DAS GELD FEHLT

Pfleger am Tag, Sexarbeiter in der Nacht: Viele kämpfen in der Krise ums Überleben

(FOTOS: iStockphotos)

Die Arbeit im Gesundheitswesen ist gesellschaftlich hoch angesehen, jedoch schlecht bezahlt. Bei der Sexarbeit ist es genau andersherum. Viele wählen daher besonders in Zeiten der Corona-Pandemie einen Mittelweg.

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, doch Sexarbeit und die Arbeit im Gesundheitswesen haben einiges gemeinsam: Es ist viel Empathie erforderlich, man kümmert sich um die körperlichen Bedürfnisse anderer, außerdem gelten beide Jobs als typische Frauenberufe. Doch während man mit dem einen Beruf gutes Geld verdienen kann – allerdings auch die Verachtung der Gesellschaft dafür erntet – ist der andere Beruf idiologisch sehr hoch angesehen, aber dafür schlecht bezahlt. Aus diesem Grund haben viele Frauen aus dem Gesundheitswesen angefangen sich nebenbei als Sexarbeiterinnen Geld dazu zu verdienen, wie VICE berichtet.

Eine von ihnen ist Liza Del Sierra. Nachdem sie eine Karriere als Pornodarstellerin, Produzentin und Regisseurin hatte, entschied sich Sierra 2018 ihre Ausbildung zur Krankenpflegerin wieder aufzunehmen. Während der ersten Corona-Welle bekam sie den Auftrag, in einem französischen Krankenhaus in einer Reanimationseinheit mit Corona-Patienten zu arbeiten. Die Arbeit war unbezahlt, aber ihre Schule rechnete sie immerhin als Teil der Ausbildung an. Um trotzdem über die Runden zu kommen, pflegte sie in ihrer Freizeit ihre OnlyFans-Seite.

Del Sierra ist keineswegs die einzige Sexarbeiterin, die im Gesundheitsbereich tätig ist. Bei einem Durchschnittsgehalt von 1.800 Euro brutto in Frankreich für medizinisches Personal und einem extrem stressigen Arbeitsalltag bessern einige mit Sexarbeit ihre Einkünfte auf – für manche bietet die Sexarbeit auch eine Art Ventil.

Layna ist um die dreißig und Krankenpflegerin. Während ihres Studiums hat sie angefangen sich nebenbei als Stripperin Geld dazu zu verdienen: „Ich habe zwei oder drei Nächte die Woche getanzt. Das hat mich vorm Burnout gerettet.“ Für Layna war der Nebenjob also auch eine Art Ventil, um besser mit den Belastungen ihrer Arbeit umzugehen – sie pflegt schwerkranke Menschen.

Während der ersten Welle der Pandemie wurde Layna in ein Krankenhaus in der Nähe von Paris geschickt, um für kranke Kolleginnen einzuspringen: „Wir hatten 35 Patienten pro Pflegerin und zwei Hilfspfleger insgesamt“, sagt sie. Jeden Tag arbeitete Layna bis spätabends und ihre nächste Schicht begann um 7 Uhr morgens. Oft übernachtete sie in ihrem Auto: „Wir konnten die Schichten nicht füllen, selbst die der Reinigungskräfte nicht. Das Schlimmste war aber, dass ich keine Zeit mehr hatte, einfühlsam zu sein“, erzählt Layna.

Als dieser Job zu Ende war, entschied sich Layna, nach Guadeloupe zu ziehen, ein französisches Übersee-Gebiet in der Karibik, in dem Stripclubs weiterhin geöffnet sind. Dort habe sie wieder begonnen zu tanzen, mit Mindestabstand und Maske natürlich. „Es hat meinen Kopf freigemacht. Plötzlich hatte ich wieder dieses Gefühl der Kontrolle.“

Fouad ist 30, arbeitet als Escort, schreibt nebenbei eine Doktorarbeit und ist in der häuslichen Pflege für Alte und Menschen mit Behinderung tätig. Wie Del Sierra und Layna musste auch Fouad während der ersten Welle Überstunden machen und arbeitete bis zu 60 Stunden pro Woche: „Es gab einen riesigen Bedarf für Pflegekräfte und dazu mussten wir für die einspringen, die dem Virus ausgesetzt worden waren.“ Für die Überstunden und Nachtschichten habe Fouad aber kein zusätzliches Geld bekommen.

Ende 2020 begann Fouad als Escort zu arbeiten: „Beides sind Service-Jobs – für mich sind die gar nicht so verschieden.“ Zunächst hatte Fouad die Angst, möglicherweise Pflegebedürftige mit Corona durch seine Escort-Tätigkeit anzustecken, doch am Ende war er doch überzeugt, dass die Escort-Arbeit auch nicht gefährlicher als andere Jobs ist: „Ich sehe vier Klienten im Monat, das war’s. Die restliche Zeit arbeite ich alleine an meinem Computer“, sagt Fouad.

Camille ist 33, alleinerziehende Mutter und arbeitet als Zahnärztin in einer Privatpraxis sowie als professionelle Domina. Durch die Sexarbeit hätte sie ein zusätzliches Einkommen und sehr flexible Arbeitszeiten. Im Mai letzten Jahres, als die Zahnärzte nach einem sechswöchigen Lockdown wieder öffnen durften, sei Camilles Praxis von Patienten quasi überrannt worden. Irgendwann war sie einfach erschöpft. Schließlich hat sie in der Praxis aufgehört und begonnen mit der Sexarbeit das ausgebliebene Einkommen der vorangegangenen Monate auszugleichen.

Aufgrund ihrer großen Geldprobleme durch den Lockdown, hatte Camille sogar angefangen unter Bedingungen zu arbeiten, die sie sonst niemals akzeptiert hätte: „Die Kunden kommen jetzt zu mir nach Hause, weil viele von ihnen verheiratet sind. Außerdem ist die Bewegungsfreiheit gerade weiter eingeschränkt. Ich musste meine Sicherheit aufs Spiel setzen und riskieren, Corona in mein Haus zu bringen. Ich hatte keine echte Wahl.“ Laut Camille würden ihre Kunden die Sicherheitsmaßnahmen nicht besonders befolgen. Daher versuche sie nur gerade so viele Termine zu buchen, wie sie braucht, um ihre Rechnungen zu bezahlen.

Das Risiko, das Camille eingehen muss, zeigt eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Sexarbeit und der Arbeit im Gesundheitsweisen: Die Pandemie hat sie in eine prekäre Situation gebracht.

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