Millionenkredit für eine Autobahn, die angeblich fertig ist? In Bosnien und Herzegowina sorgt ein blockiertes 95-Millionen-Darlehen für einen mysteriösen Finanzskandal.
Die Parlamentsblockade eines Millionenkredits für einen bereits fast fertigen Autobahnabschnitt in Bosnien und Herzegowina wirft Fragen auf. Das Haus der Völker des Parlaments der Föderation BiH verweigerte am Dienstag die Zustimmung zu einem 95-Millionen-Euro-Kredit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Die für den Bau des Teilabschnitts Poprikuse–Nemila am Korridor 5C vorgesehene Finanzierung erhielt nicht die erforderliche Mehrheit, obwohl das Repräsentantenhaus bereits zugestimmt hatte. Ohne die Genehmigung beider Kammern kann die Kreditaufnahme nicht realisiert werden.
Der Kredit hätte eine Laufzeit von elf Jahren mit vierjähriger Karenzzeit vorgesehen. Für die Umsetzung wäre die Autobahngesellschaft der Föderation BiH verantwortlich gewesen. Besonders brisant: Die Entscheidung betrifft einen 5,5 Kilometer langen Abschnitt, den die Autobahngesellschaft laut Recherchen von BiznisInfo.ba bereits als fertiggestellt bezeichnet hatte.
Widersprüchliche Aussagen
Die Autobahngesellschaft hatte noch Ende des Sommers verkündet, die Arbeiten stünden kurz vor dem Abschluss und die Eröffnung sei für Oktober geplant. Mitte Oktober hieß es gegenüber dem Portal Fokus sogar, die technische Abnahme laufe bereits – ein klares Indiz für abgeschlossene Bauarbeiten. Damals wurde versichert, der Abschnitt werde freigegeben, sobald die Abnahmekommission ihre Arbeit beendet habe. Bei einer Vor-Ort-Besichtigung Ende Oktober stellte das Team von BiznisInfo.ba jedoch fest, dass die Bauarbeiten keineswegs abgeschlossen waren.
Obwohl der Baufortschritt laut ursprünglichem Zeitplan bis September hätte abgeschlossen sein sollen, ist der Abschnitt noch nicht fertiggestellt. Der Großteil der Strecke ist zwar bereits asphaltiert, und die Brücken sowie Viadukte zu beiden Seiten des Tunnels sind funktionsfähig. Allerdings laufen bei Topcic Polje noch Bauarbeiten an einem kleineren Teilstück, weshalb die Eröffnung nach aktuellem Stand ins nächste Jahr verschoben werden muss.
Finanzielle Ungereimtheiten
Angesichts des fortgeschrittenen Baustadiums erscheint es jedoch kaum glaubhaft, dass für die restlichen Arbeiten noch 95 Millionen Euro benötigt werden. Es bleibt daher unklar, ob die beantragten Kreditmittel tatsächlich für die Fertigstellung gedacht sind oder – was wahrscheinlicher erscheint – zur Deckung bereits getätigter Ausgaben dienen sollen. Eine öffentliche Erklärung der Autobahngesellschaft zu dieser Diskrepanz wäre dringend angebracht.
Das Herzstück dieses Autobahnabschnitts ist der 3,6 Kilometer lange Tunnel Bosna, der nach seiner Fertigstellung zum längsten Straßentunnel in Bosnien und Herzegowina wird. Die Tunnelarbeiten sind bereits abgeschlossen.
Der früher unter dem Namen Golubinja bekannte Tunnel wird Autofahrern künftig ermöglichen, die anspruchsvolle Route durch die Schlucht des Flusses Bosna zu umgehen, was die Reisezeit in den Norden des Landes erheblich verkürzen wird.
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