Sprengstoff nahe einer Gaspipeline, ein flüchtiger Verdächtiger und Schuldzuweisungen auf höchster Ebene – der Vorfall in Nordserbien hat internationale Brisanz.
Serbien hat Ermittlungen zu einem Sabotageversuch an der Balkan-Stream-Pipeline eingeleitet, über die russisches Erdgas nach Serbien und Ungarn fließt. Der Leiter der militärischen Sicherheitsagentur VBA, Djuro Jovanic, bestätigte, dass ein Verdächtiger identifiziert worden sei – es handle sich um „eine Person aus einer Gruppe von Migranten“. Serbiens Präsident Aleksandar Vucic gab bekannt, dass „zwei große Pakete mit Sprengstoff und Zündern“ in Rucksäcken im nordserbischen Kanjiža sichergestellt worden seien – „einige hundert Meter von der Gaspipeline entfernt“.
Vucic informierte nach eigenen Angaben umgehend den ungarischen Premierminister Viktor Orbán, der daraufhin noch am selben Tag eine Sicherheitssitzung einberief. Orbán deutete in einem am Sonntagabend auf X veröffentlichten Video eine Verwicklung der Ukraine an, ohne eine formelle Anschuldigung zu erheben. Kiew wies die Andeutungen umgehend und „kategorisch“ zurück, auch Kreml-Sprecher Dmitri Peskow erklärte, es sei „sehr wahrscheinlich“, dass Kiew in den Sabotageversuch verwickelt sei.
Geheimdienstliche Vorwarnungen
Jovanic erklärte, seine Behörde habe die Regierung vorab darüber in Kenntnis gesetzt, dass eine Person mit militärischer Ausbildung einen Anschlag auf die Pipeline plane. Den serbischen Geheimdiensten zufolge hätten die Behörden „seit Monaten“ vor einer möglichen Gefährdung der Gasinfrastruktur gewarnt – seien dabei aber auf „Skepsis“ gestoßen. Jovanic warnte darüber hinaus vor einer Welle von Desinformationen im Netz, die eine Beteiligung der Ukraine nahelegen sollten, und betonte: „Die serbische Armee mischt sich nicht in die Politik ihres eigenen Landes ein, geschweige denn in die eines anderen Landes.“
Der Vorfall fällt in eine Phase erhöhter Spannungen zwischen Ungarn und der Ukraine, die sich seit dem Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 zunehmend zugespitzt haben. Bereits zuvor hatte die aus der Sowjetzeit stammende Druschba-Pipeline für Verstimmungen gesorgt: Kiew gibt an, die Leitung sei Ende Jänner durch einen russischen Drohnenangriff beschädigt worden. Budapest und Bratislava hingegen werfen der Ukraine vor, das Problem für politische Zwecke zu instrumentalisieren.
Kanjiža, eine Stadt mit rund 8.000 Einwohnern in der nordserbischen Vojvodina, wird mehrheitlich von der ethnischen ungarischen Minderheit bewohnt. Während der europäischen Migrationskrise Mitte der 2010er Jahre war die Stadt ein zentraler Durchgangspunkt auf der Balkanroute.
Orbáns Wahlkampf
Orbán führte zuletzt einen intensiven Wahlkampf gegen seinen Hauptherausforderer Peter Magyar, distanzierte sich jedoch davon, den Pipeline-Vorfall als Wahlkampfthema zu nutzen. „Die Energiesicherheit des Landes ist kein Wahlkampfthema, sondern eine Regierungsfrage“, erklärte er und besichtigte persönlich den verstärkten militärischen Schutz des ungarischen Abschnitts der TurkStream-Pipeline.
Rückendeckung erhielt Orbán auch aus Washington: US-Präsident Donald Trump hatte den ungarischen Regierungschef Ende März in einer Videobotschaft als „starken Anführer, der für sein Land und sein Volk kämpft“ bezeichnet und ihm seine „volle und uneingeschränkte Unterstützung“ zugesichert. US-Vizepräsident JD Vance bestätigte, am Dienstag nach Ungarn zu reisen, um an einer zentralen Fidesz-Kundgebung teilzunehmen sowie ein bilaterales Gespräch mit Orbán zu führen.
Es ist nicht das erste Mal, dass ein Mitglied der Trump-Administration vor einer europäischen Wahl Stellung bezieht: Im Februar 2025 traf Vance bei einem Besuch in München, neun Tage vor der Bundestagswahl, die Vorsitzende der rechtsextremen AfD, Alice Weidel – nicht jedoch den damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz. Bei diesem Besuch hielt Vance den europäischen Staats- und Regierungschefs einen Vortrag über den Zustand der Demokratie und erklärte, es gebe keinen Platz für „Firewalls“. Das Treffen mit Weidel fand statt, nachdem hochrangige deutsche Politiker Vances Klagen über die Lage der Demokratie in Europa scharf zurückgewiesen hatten – Vance hatte auf der Münchner Sicherheitskonferenz geäußert, die Meinungsfreiheit sei auf dem gesamten Kontinent „auf dem Rückzug“.