Wien summt wieder – und die Saison hat gerade erst begonnen. Was Expertinnen über Gelsen, Tigermücken und überraschende Trends verraten.
Mit dem Einsetzen wärmerer Temperaturen sind in Wien die ersten Gelsen der Saison aufgetaucht. Wie schnell ihre Zahl ansteigt, hängt vor allem vom weiteren Wetterverlauf ab. Derzeit bewegt sich das Aufkommen noch auf einem für den Monat Mai typischen Niveau, wie Maria Unterkofler vom Institut für Parasitologie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien gegenüber dem ORF erklärt.
Sobald die Temperaturen dauerhaft die 14-Grad-Marke überschreiten, setze die Entwicklung der Tiere ein. „Und dann kann das relativ schnell gehen, wenn da ausreichend warme Tage zusammenkommen, dass die Population auch sehr schnell in die Höhe schnellt“, sagt Unterkofler.
Neben der Temperatur spielen auch Niederschlag und Wind eine entscheidende Rolle. Gelsen sind auf Wasser angewiesen, um sich zu entwickeln, und meiden starken Wind. Interessant dabei: Obwohl sie durch Windströmungen über größere Distanzen verfrachtet werden können, legen sie aus eigener Kraft „aktiv nur zwischen 100 und 150 Meter“ zurück.
Wer Gelsen in seinem direkten Umfeld fernhalten möchte, sollte laut Unterkofler darauf achten, stehendes Wasser im Garten zu vermeiden. „Regentonnen müssen abgedeckt sein. Untertöpfe von Pflanzen sollten einmal in der Woche entleert werden“, so die Expertin. Dasselbe gelte für Kinderspielzeug im Freien, in dem sich ebenfalls kleine Wasseransammlungen bilden können.
Tigermücke auf dem Vormarsch
In Wien wird die Mückenpopulation durch ein systematisches Monitoring erfasst, bei dem Fallen zum Einsatz kommen. Dabei hat sich gezeigt, dass die eingeschleppte asiatische Tigermücke inzwischen in der gesamten Stadt präsent ist. Laut dem offiziellen Abschlussbericht der Wiener Stechmücken-Surveillance wurde der erste Tigermückenfund der Saison 2024 bereits im Mai im südöstlichen Grüngürtel registriert. In den Folgemonaten wurden dort steigende Zahlen von Tigermücken und Eiern festgestellt. Anfang August wurden Tigermücken erstmals im Westen Wiens (Bereich Wiental) nachgewiesen, Anfang September auch im Süden – was die fortschreitende Ausbreitung im gesamten Stadtgebiet dokumentiert.
„Außerdem haben wir auch eine App, die Mosquito Alert App, wo Bürger quasi selber Fotos einschicken können, wenn sie meinen, dass sie eine Gelse gefunden haben. Und auch anhand dieser App sehen wir, dass die Anzahl wirklich deutlich gestiegen ist in den letzten Jahren“, sagt Unterkofler.
Graz, das als besonders betroffener Standort in Österreich gilt, setzt auf einen gezielten Maßnahmenplan: Bis zu acht Millionen sterilisierte Männchen werden ausgesetzt, um die Fortpflanzung der Tigermücke zu unterbinden. „Die Weibchen paaren sich immer nur einmal in ihrem Leben und wenn das mit einem sterilen Männchen ist, dann kann die keine fruchtbaren Eier mehr ablegen“, sagt Unterkofler. Allerdings sei zu bedenken, dass es eine Maßnahme sei, die man kontinuierlich und großflächig machen müsse, und das verursache hohe Kosten.
Da die Tigermücke ursprünglich eingeschleppt wurde und dieser Prozess sich wiederholen wird, sei mit einem anhaltenden Zuzug neuer Tiere zu rechnen. „Ob es dauerhaft für Wien wirtschaftlich ist, ist wahrscheinlich zu bezweifeln“, sagt Unterkofler.
Die Tigermücke sticht im Gegensatz zu normalen Gelsen auch tagsüber – heimische Stechmücken sind hingegen meist erst in der Dämmerung oder nachts aktiv.
Gesamtpopulation rückläufig
Trotz der Ausbreitung der Tigermücke zeigt das langjährige Monitoring in Wien eine überraschende Tendenz: Die Gesamtpopulation der Gelsen ist rückläufig. „Wir sehen tatsächlich, dass die Populationen in Wien kleiner geworden sind. Das Monitoring läuft mittlerweile über zehn Jahre. Und wir sehen, dass sie tatsächlich weniger geworden sind. Man kann ungefähr sagen, dass es teilweise um die Hälfte zurückgegangen ist.“
Konkret zeigen die Daten der Wiener Stechmücken-Surveillance für die Saison 2024 ein im Vergleich zu den Jahren 2017 bis 2023 weitgehend unterdurchschnittliches Aufkommen: Anfang Juni lagen die Werte bei nur rund 20 Prozent des durchschnittlichen Aufkommens der Vorjahre, Anfang Juli und August bei rund 41 bzw. 46 Prozent der Vorjahre.
Als Ursachen nennt die Expertin das allgemeine Insektensterben sowie den Klimawandel. „Die Winter werden zwar prinzipiell milder, aber sie sind nicht mehr durchgehende Winter. Das heißt, wir haben kalte Perioden, dann wird es sehr warm, sodass die Gelsen schon mit ihrer Entwicklung beginnen und dann wird es plötzlich wieder sehr kalt. Und das macht ihnen zu schaffen, wenn sie da plötzlich in dieser beginnenden Phase wieder unterbrochen werden.“
Am wirkungsvollsten sei es, im eigenen Nahbereich aktiv zu werden. Denn „Gelsen fliegen selber aktiv nur etwa 100 bis 150 Meter. Sie können zwar mit dem Wind vertrieben werden und dann weitere Strecken dadurch zurücklegen. Aber prinzipiell sind sie an dem Ort, wo sie schlüpfen, sie fliegen nicht allzu weit weiter“, so die Expertin.