Bei einem verheerenden Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge in Andalusien sind mindestens 39 Menschen ums Leben gekommen. Die Kollision ereignete sich, als ein italienischer Zug aus bislang ungeklärten Gründen entgleiste und ein entgegenkommender Zug in die verunglückten Waggons prallte. Mehr als 70 Personen wurden verletzt, davon 15 schwer, wie Regionalpräsident Juanma Moreno sichtlich erschüttert mitteilte.
Die Opferzahl könnte weiter steigen, da die Rettungskräfte in den Trümmern noch nach weiteren Opfern suchen. Der staatliche Sender RTVE korrigierte die Zahl der Todesopfer am Montagmorgen nach oben.
Das Unglück nahm am Sonntagabend gegen 19.40 Uhr nahe der Gemeinde Adamuz in der Provinz Córdoba seinen Lauf. Nach Angaben der Bahngesellschaft RENFE lösten sich die beiden letzten Waggons eines mit vermutlich 300 km/h fahrenden Iryo-Zuges der italienischen Gesellschaft Trenitalia und gerieten auf das Nachbargleis. In diesem verhängnisvollen Moment passierte ein RENFE-Hochgeschwindigkeitszug die Unfallstelle in Gegenrichtung. Verkehrsminister Óscar Puente beschrieb den Aufprall als so heftig, dass die beiden vorderen Wagen des RENFE-Zuges aus den Schienen geschleudert wurden und eine vier Meter hohe Böschung hinabstürzten, wo sie weitgehend zerstört wurden.
Der Iryo-Zug beförderte über 300 Passagiere von Málaga nach Madrid, während der RENFE-Zug mit rund 200 Reisenden von Madrid nach Huelva unterwegs war. Die wichtige Bahnverbindung zwischen Madrid und Andalusien bleibt mindestens bis einschließlich Montag unterbrochen. Zahlreiche Reisende, deren Züge aufgrund des Unfalls ausfielen, verbrachten die Nacht in Bahnhöfen.
Dramatische Augenzeugenberichte
Eine junge Überlebende schilderte im RTVE-Interview unter Tränen ihre traumatischen Erlebnisse: „Es gab eine Vollbremsung, es wurde stockdunkel. Ich fiel kopfüber aus dem Sitz. Menschen und Gepäck flogen durch die Luft, es gab Schreie, weinende Kinder, Blut. Ich fühle mich, als wäre ich neu geboren.“ Der Journalist Salvador Jimenez, ebenfalls Passagier, verglich das Erlebnis mit einem Erdbeben.
⇢ „Menschen flogen durch die Luft“ – Überlebende schildert Horror im Todeszug
Unter den Todesopfern befindet sich nach amtlichen Angaben auch einer der Lokführer. Viele Fahrgäste waren noch Stunden nach dem Unfall in den Zugwracks eingeschlossen. Feuerwehrleiter Paco Carmona beschrieb die schwierigen Bedingungen am Unfallort: „Es ist ein schwer zugängliches Gebiet. Das Ausmaß der Zerstörung war zudem groß. Chaos, offene Brüche. Alles andere als schön.“
Ministerpräsident Pedro Sánchez versprach schnelle Hilfe und schrieb auf der Plattform X: „Heute ist eine Nacht tiefen Schmerzes für unser Land.“ Neben dem spanischen Königshaus drückte auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ihr Beileid aus und schrieb auf Spanisch: „In dieser Nacht seid ihr in meinen Gedanken.“
Rätselhafte Unfallursache
Die Unfallursache gibt Experten Rätsel auf. Verkehrsminister Puente bezeichnete den Vorfall als „extrem ungewöhnlich“ und verwies auf die gerade Streckenführung, den relativ neuen Zug und den erst kürzlich für 700 Millionen Euro renovierten Streckenabschnitt. Mehrere von Medien befragte Fachleute zeigten sich verwundert. Der Ingenieur Jorge Trigueros merkte an, dass das Sicherheitssystem einen solchen Unfall eigentlich ohne Eingreifen des Lokführers hätte verhindern müssen.
Am frühen Montagmorgen wurden noch mehr als 70 Verletzte in sechs verschiedenen Krankenhäusern behandelt. Einige mussten noch in der Nacht notoperiert werden, wie Regionalpräsident Moreno mitteilte. Zur Identität und Herkunft der Opfer gab es zunächst keine Informationen. Die Identifizierung der Todesopfer sollte bald beginnen.
Das Rote Kreuz leistete nicht nur den betroffenen Passagieren und Bahnmitarbeitern psychologische Hilfe, sondern betreute auch traumatisierte Angehörige und Freunde, die etwa am Madrider Bahnhof Atocha oder in Huelva vergeblich auf ihre Lieben warteten.
In ganz Spanien, besonders aber in Galicien, wurden Erinnerungen an das schwere Zugunglück vom 24. Juli 2013 wach. Damals entgleiste ein Zug bei überhöhter Geschwindigkeit in einer Kurve nahe Santiago de Compostela, wobei 80 Menschen ihr Leben verloren.
Inmitten der aktuellen Tragödie zeigte sich die 4000-Einwohner-Gemeinde Adamuz solidarisch. Trotz später Stunde brachten freiwillige Helfer Decken, Medikamente und Lebensmittel ins Gemeindezentrum. Supermarktbesitzerin Rafaela öffnete umgehend ihren Laden und erklärte gegenüber RTVE: „Heute schläft hier niemand!“