Ein Klick, ein schlechtes Gewissen – und plötzlich ist mehr Trinkgeld weg als geplant. Bezahlterminals machen es möglich.
Stress, wartende Gäste, neugierige Blicke des Personals und manipulative Designs auf Bezahlgeräten – sogenannte Dark Patterns – können Lokalbesucher, die mit Karte zahlen, dazu bringen, mehr Trinkgeld zu geben, als sie eigentlich beabsichtigen. Davor warnen Verbraucherschützer in Österreich. Die Arbeiterkammer verzeichnet zwar nur wenige Beschwerden zu diesem Thema, doch das bedeute nicht, dass sich Kunden nicht ärgerten, betont Gabriele Zgubic, Leiterin der Abteilung Konsumentenpolitik der Arbeiterkammer Wien, gegenüber dem Kurier.
Sie hält fest, dass es weder eine Pflicht noch einen vertraglichen Anspruch auf Trinkgeld gibt – die Entscheidung über die Höhe müsse beim Gast liegen. Zgubic kritisiert dabei konkret, dass auf den Geräten häufig nur vorgegebene Auswahlmöglichkeiten angezeigt werden, die sich in der Regel zwischen 10 und 20 Prozent bewegen. In der Praxis würden sich Gäste meist für den mittleren Wert von 15 Prozent entscheiden, weil sie den niedrigsten Betrag nicht wählen wollen.
Manipulative Bezahlterminals
Hinzu komme, dass die Option, kein Trinkgeld zu geben, auf vielen Geräten kaum sichtbar sei und erst nach mehreren Klicks erscheine – ein Umstand, den Konsumentenschützer als problematisch einstufen. Wie stark dieser Effekt tatsächlich wirkt, belegt eine aktuelle Studie aus Deutschland: Demnach gaben 64 Prozent der Befragten an, durch voreingestellte Vorschläge auf Bezahlgeräten bereits dazu gebracht worden zu sein, mehr Trinkgeld zu geben als ursprünglich geplant.
Im Mai wurden mehrere Filialen der Coffeeshop-Kette Starbucks von der Verbraucherzentrale Brandenburg abgemahnt, weil die Gestaltung der Bezahlterminals Kunden in ihrer Entscheidung beeinflusste. Das Unternehmen musste daraufhin die Darstellung an den Geräten anpassen. Ramona Pop, Chefin des Verbraucherzentrale Bundesverbands, betonte, dass Gäste eine eindeutige Möglichkeit haben müssen, Trinkgeld abzulehnen, und die Höhe selbst bestimmen können müssen.
Auch in Österreich hätten diese Abmahnungen eine Signalwirkung entfaltet, sagt Zgubic. Sollte sich hierzulande nichts ändern, rät sie Gästen, selbstbewusst aufzutreten und sich nicht unter Druck setzen zu lassen. An die Gastronomen richtet die Konsumentenschützerin den Appell, zu überdenken, ob diese Methode tatsächlich der richtige Weg sei – denn wer Gäste verärgere, riskiere, sie dauerhaft zu verlieren.
Trinkgeld & Transparenz
Eine ähnliche Einschätzung kommt vom Fachverband Gastronomie in der Wirtschaftskammer Österreich. Obmann Alois Rainer erklärte gegenüber dem Kurier, dass Gäste frei und ohne jeden Druck über die Höhe des Trinkgeldes entscheiden können sollten. Gerade im digitalen Bereich seien Transparenz und Ausgewogenheit dabei zentral.
Verbote oder zusätzliche bürokratische Vorgaben lehnt Rainer jedoch ab. Viele Kunden beschäftigt darüber hinaus die Frage, ob das gegebene Trinkgeld überhaupt bei den Servicekräften ankommt. Seit Jänner gilt dazu eine neue Regelung, die Beschäftigten das Recht einräumt zu erfahren, wie viel digitales Trinkgeld sie erhalten haben.
Für Eva Eberhart, Vorsitzende des Fachbereichs Tourismus der Gewerkschaft vida, ist das ein klarer Erfolg – denn nur so könnten Kellnerinnen und Kellner sicherstellen, dass ihnen das Trinkgeld auch vollständig zugute kommt.