Alle gemeinsam statt einer nach dem anderen: Serbiens Präsident Aleksandar Vučić fordert einen „Big Bang“ für den Westbalkan – doch sein Modell widerspricht dem bisherigen EU-Prinzip, nach dem jedes Land entsprechend seiner eigenen Reformfortschritte beurteilt wird.
Serbiens Staatspräsident Aleksandar Vučić hat die Europäische Union dazu aufgerufen, die Staaten des Westbalkans nicht nacheinander, sondern gemeinsam aufzunehmen. In einem Interview mit der britischen „Financial Times“ sprach sich Vučić für einen europäischen „Big Bang“ aus. Die Länder der Region sollten seiner Ansicht nach „alle gemeinsam“ der EU beitreten.
Vučić begründet den Vorschlag vor allem mit der Stabilität des Westbalkans. Ein gleichzeitiger Beitritt könnte seiner Ansicht nach verhindern, dass zwischen bereits aufgenommenen Ländern und zurückbleibenden Nachbarn neue politische und wirtschaftliche Grenzen entstehen. Zugleich plädierte der serbische Präsident für eine engere Zusammenarbeit innerhalb der Region.
Zum Westbalkan zählen im Rahmen des EU-Erweiterungsprozesses Serbien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Albanien, Nordmazedonien sowie Kosovo. Die sechs Partner befinden sich jedoch in sehr unterschiedlichen Stadien ihrer Annäherung an die Union. Kosovo gilt innerhalb des EU-Erweiterungsprozesses weiterhin lediglich als potenzieller Kandidat und besitzt noch keinen offiziellen Kandidatenstatus.
Montenegro ist derzeit der am weitesten fortgeschrittene Beitrittskandidat. Das Land hat alle 33 Verhandlungskapitel geöffnet. Nach einer weiteren Beitrittskonferenz am 14. Juli 2026 sind inzwischen 18 Kapitel vorläufig abgeschlossen. Die montenegrinische Regierung hofft, die Verhandlungen bis Ende 2026 abzuschließen und im Jahr 2028 EU-Mitglied zu werden. Einen verbindlichen Beitrittstermin gibt es allerdings nicht.
Auch Albanien hat zuletzt deutlich an Tempo gewonnen. Das Land hat mittlerweile alle 33 Verhandlungskapitel geöffnet und am 14. Juli 2026 erstmals drei Kapitel vorläufig abgeschlossen. Damit gehören Montenegro und Albanien derzeit zu den klaren Spitzenreitern des Erweiterungsprozesses.
Serbiens Verhandlungen kommen dagegen seit Jahren nur langsam voran. Das Land besitzt seit März 2012 den Status eines EU-Beitrittskandidaten, die formellen Verhandlungen begannen im Januar 2014. Bislang wurden 22 von insgesamt 35 Kapiteln geöffnet, lediglich zwei davon sind vorläufig abgeschlossen. Seit Dezember 2021 wurde kein weiterer Verhandlungscluster geöffnet.
Auch Bosnien und Herzegowina befindet sich noch am Anfang des Verfahrens. Das Land erhielt im Dezember 2022 den Kandidatenstatus. Im März 2024 beschloss der Europäische Rat grundsätzlich die Eröffnung von Beitrittsverhandlungen. Der dafür notwendige Verhandlungsrahmen wurde bislang jedoch nicht verabschiedet, weshalb die eigentlichen Verhandlungen noch nicht formell begonnen haben.
EU hält am Leistungsprinzip fest
Die Europäische Union verfolgt bislang ein anderes Konzept als jenes, das Vučić nun vorschlägt. Jedes Land soll entsprechend seiner eigenen Leistungen, Reformen und Fortschritte beurteilt werden. Die Geschwindigkeit des Beitrittsprozesses hängt damit ausdrücklich davon ab, wie schnell ein Kandidat die europäischen Vorschriften übernimmt und die verlangten Reformen tatsächlich umsetzt.
Im jüngsten Erweiterungspaket der Europäischen Kommission vom November 2025 stehen insbesondere Rechtsstaatlichkeit, unabhängige Institutionen, demokratische Standards, Grundrechte, Korruptionsbekämpfung und eine funktionierende öffentliche Verwaltung im Mittelpunkt. Die Kommission betonte dabei ausdrücklich, dass es bei diesen Voraussetzungen keine Abkürzungen geben werde.
Eine direkte offizielle Zurückweisung des Vučić-Vorschlags durch die EU-Kommission liegt bislang nicht vor. Die jüngsten Entscheidungen in Brüssel zeigen jedoch, dass die Union weiterhin Länder belohnt, die bei Reformen schneller vorankommen. Vertreter der irischen EU-Ratspräsidentschaft würdigten am 14. Juli ausdrücklich die individuellen Fortschritte Montenegros und Albaniens.
Gerade bei Serbien bleiben mehrere Konfliktpunkte bestehen. Die EU fordert weitere Fortschritte bei Rechtsstaatlichkeit und demokratischen Institutionen sowie eine Normalisierung der Beziehungen zu Kosovo. Zudem ist Serbiens Übereinstimmung mit der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der EU weiterhin vergleichsweise gering. Belgrad hat sich unter anderem den europäischen Sanktionen gegen Russland nicht angeschlossen.
Vučićs politisches Kalkül
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt des Vorstoßes. Noch am 7. Juli 2026 hatte Vučić erklärt, die Beitrittskandidaten sollten in den kommenden Jahren weder „Wunder“ noch eine große Erweiterungsrunde erwarten. Nur eine Woche später brachte er einen gemeinsamen Beitritt des gesamten Westbalkans ins Spiel.
Der Vorschlag lässt sich daher auch als Versuch verstehen, einer wachsenden Differenzierung innerhalb der Region entgegenzuwirken. Während Montenegro und Albanien konkrete Fortschritte erzielen, droht Serbien trotz seiner langen Kandidatur weiter ins Hintertreffen zu geraten. Bei einem gemeinsamen Beitritt müsste die EU dagegen entweder auf langsamere Kandidaten warten oder ihre bisherigen Kriterien grundlegend verändern.
Geopolitisch hätte ein gemeinsamer Westbalkan-Beitritt durchaus Vorteile. Die EU könnte die gesamte Region enger an sich binden und damit dem Einfluss Russlands und Chinas entgegenwirken. Auch das Risiko neuer politischer und wirtschaftlicher Trennlinien zwischen den Ländern könnte sinken.
In der praktischen Umsetzung stößt das Modell jedoch auf erhebliche Hindernisse. Ein Beitrittsvertrag muss von allen bestehenden EU-Staaten unterzeichnet und nach den jeweiligen nationalen Vorschriften ratifiziert werden. Politisch wäre es zudem schwer zu begründen, warum Länder mit erheblichen Reformrückständen gleichzeitig mit Staaten aufgenommen werden sollten, die bereits einen Großteil der Anforderungen erfüllt haben.
Die EU setzt deshalb vorerst auf eine schrittweise und an Reformen gebundene Integration. Noch vor einer Vollmitgliedschaft sollen die Westbalkan-Staaten unter bestimmten Voraussetzungen stärker an Teile des europäischen Binnenmarkts, den gemeinsamen Zahlungsverkehr und weitere EU-Programme angebunden werden. Zusätzlich stehen über den europäischen Wachstumsplan für den Westbalkan mehrere Milliarden Euro für Reformen und Investitionen bereit.