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SCHLECHTERER ZUGANG

Was die „Roma-Impflücke“ in der Corona-Pandemie bedeutet

Symbolbilder (FOTOS: iStockphotos)

Zu Beginn der Pandemie galten die Elendsviertel der Roma auf dem Balkan als mögliche Infektionstreiber. Nun stellt sich die Frage, wie die größte ethnische Minderheit Europas flächendeckend geimpft werden kann.

Beengte Wohnverhältnisse, fehlendes sauberes Wasser und ein allgemein schlechter Gesundheitszustand der Bevölkerung: Als vor mittlerweile einem Jahr die Corona-Pandemie über die Welt hereinbrach, wurde in Europa auch über mögliche Risikogebiete diskutiert. Als ein potentieller Infektionsherd gerieten dabei die Roma-Slums Europas ins Visier. Ein serbischer Arzt etwa warnte, dass die Seuchenbekämpfung nur so erfolgreich sein könnte, wie das schwächste Glied in der Kette. Und das seien in Südosteuropa die Roma: „In ihren Slums findet das Virus ein Rückzugsgebiet, aus dem es wieder vordringen könnte, wenn die allgemeinen Beschränkungen gelockert werden.“

Roma-Slums als Impflücke Europas?
Doch nur wenige Zeit später gerieten südosteuropäische Slums wie Stolipinowo in der bulgarischen Stadt Plowdiw, das mit rund 60.000 Einwohnern die größte aller Roma-Siedlungen ist, aus dem Blickfeld. Eindeutige Belege, dass derartige Siedlungen tatsächlich Brennpunkte für Infektionsausbrüche sind, fehlten. Die ersten Vermutungen schienen sich nicht zu bewahrheiten.

Keine Papiere, keine Versicherung
Allerdings könnte das jedoch auch damit zusammenhängen, dass die Datenerhebung in dieser Bevölkerungsgruppe oft nicht so einfach ist. Denn viele der zehn bis zwölf Millionen Roma sind nicht krankenversichert, manche haben nicht einmal eine Geburtsurkunde, oder eine reguläre Wohnadresse. Dadurch ist es schwierig, sie in staatlichen Statistiken zu erfassen.

Tatsache ist, dass viele Roma in ihren Gesellschaften jeweils stark ausgegrenzt sind. Es gibt wenig Berührungspunkte mit der jeweiligen Bevölkerungsmehrheit. Das wirkt sich auch auf die Virusübertragung aus und in ihre Gemeinschaften aus.

Können Roma mit Impfkampagnen erreicht werden?
Nun zeichnet sich jedoch eine andere Sorge ab: Dass es bei Roma eine „Impflücke“ gibt, ist nicht erst seit der Corona-Pandemie bekannt. Hinweise lieferte unter anderem eine 2016 veröffentlichte Studie mit dem Titel „The Roma vaccination gap“, für die Daten aus zwölf europäischen Staaten erhoben und verglichen wurden. Darin kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass Kinder der Roma-Minderheit in den meisten untersuchten Staaten deutlich seltener gegen die üblichen Krankheiten geimpft sind als Kinder der jeweiligen Mehrheitsgesellschaften. Als positive Ausnahmen werden Bulgarien, Ungarn, die Republik Moldau und die Slowakei genannt.

Jetzt in Zeiten von Corona wird die Frage um mögliche Impflücken in dieser Bevölkerungsgruppe erneut tragend. Die Athener Zeitung „Kathimerini“ berichtete etwa schon Mitte Januar, dass es in Griechenland schätzungsweise 50.000 Personen ohne Sozialversicherungskarte und damit ohne Zugang zum staatlichen Gesundheitswesen gebe. Dazu zählten vor allem Obdachlose, Roma und abgelehnte Asylbewerber. In Serbien, das auf dem europäischen Kontinent bisher führend bei Impfungen ist, leben nach offiziellen Statistiken etwa 150.000 Roma. Inoffiziell liegt die Zahl deutlich darüber.

Serbien: „Wichtig auch die Roma mit Impfkampagne zu erreichen“
Marija Obradović, Serbiens Ministerin für staatliche Verwaltung, wies unlängst darauf hin, wie wichtig es für eine insgesamt erfolgreiche Imagekampagne sei, auch die Roma zu erreichen. Jedoch gebe es dabei einige Schwierigkeiten: Mangelndes Bewusstsein für die Bedeutung von Impfungen ist nur ein Teil davon. Viele Roma haben weder Internetanschluss noch Computer, können also nicht auf dem üblichen Weg einen Impftermin vereinbaren.

Andere haben vielleicht ein Mobiltelefon und Internetzugang, scheitern aber daran, dass sie nicht über die nötigen Personalausweise verfügen, die das System zum Abschluss einer elektronischen Registrierung verlangt.

Obradović möchte diese bürokratischen Hürden nun ausmerzen: Der Staat werde in die Siedlungen hineingehen, um dort allen Impfwilligen an Ort und Stelle ein Angebot zu machen. Es solle allen geholfen werden, die auf Schwierigkeiten bei der Anmeldung im Internet gestoßen seien, sagte die Ministerin unlängst.

Mobile Teams und „Covid-Mediatoren“ sollen für die Impfungen werben. Offen bleibt unterdessen, wie die Impfungen samt möglichen Folgen dokumentiert werden sollen, wenn Personen keine oder abgelaufene Ausweispapiere besitzen und an irregulären Adressen leben. Der Belgrader Epidemiologe Predrag Kon, Mitglied des Corona-Krisenstabs der Regierung, hebt hervor, dass die Kooperation mit Roma-Führern und Vermittlern dabei von besonderer Wichtigkeit sei. Ob sich die „Impflücke“ dadurch schließen lässt, bleibt jedoch abzuwarten.

Quellen und Links: