Waschbären in Nordamerika zeigen Anzeichen einer beginnenden Domestikation. Forscher haben festgestellt, dass Exemplare in städtischen Gebieten deutlich kürzere Schnauzen entwickeln als ihre ländlichen Artgenossen – ein klassisches Merkmal für den Prozess der Haustierwerdung.
Diese Entwicklung folgt einem ähnlichen Muster wie bei der Domestikation der Wölfe vor etwa 35.000 Jahren. Damals näherten sich die weniger scheuen Tiere menschlichen Siedlungen und ernährten sich von Abfällen. Mit der Zeit verringerte sich ihre Furcht vor Menschen, was nicht nur ihr Verhalten, sondern auch ihr Erscheinungsbild veränderte: kürzere Schnauzen, Schlappohren und ein geschecktes Fell wurden typisch.
Stadtleben verändert Anatomie
Bei nordamerikanischen Waschbären lässt sich nun ein vergleichbarer Prozess beobachten. Die Tiere finden in städtischen Parks und Dorfnähe ideale Lebensbedingungen vor – leicht zugängliche Nahrungsreste und Schutz vor natürlichen Feinden. Die österreichische Zoologin Raffaela Lesch von der University of Arkansas at Little Rock dokumentiert in einer Fachpublikation, dass diese stadtnahen Waschbären bereits erkennbare anatomische Veränderungen aufweisen.
Die im Fachjournal “Frontiers in Zoology” veröffentlichte Studie belegt, dass die Tiere ähnlich wie Hunde im Vergleich zu Wölfen kürzere Schnauzen entwickeln. “Zusammen mit einem 16-köpfigen Studentenforschungsteam haben wir über 19.000 Bilder von Waschbären durchkämmt”, erklärte sie der APA: “Anschließend berechneten wir die Länge der Schnauzen im Verhältnis zum ganzen Kopf.”
Es zeigte sich, dass Waschbären, die in menschlichen Ballungsräumen leben, signifikant kürzere Schnauzen haben als ihre Artgenossen am Land. “Das deutet darauf hin, dass diese Tiere den Weg zur Domestikation eingeschlagen haben könnten”, sagte Lesch.
Biologische Grundlagen
Die verkürzte Schnauzenform gehört zu einer Reihe typischer Domestikationsmerkmale wie Schlappohren, geschecktes Fell und gekringelte Schwänze. Nach der wissenschaftlichen “Neuralleisten-Domestizierungssyndrom-Hypothese” entstehen diese Veränderungen indirekt durch die Selektion auf zahmes Verhalten mit reduziertem Fluchtinstinkt.
Neuralleisten-Zellen (embryonale Vorläuferzellen) für Zähne, Knochen, Knorpel, Farbpigmente und angstbezogene Hormone, verringern sich bei diesem Prozess. Die Folge: Die Tiere werden nicht nur zahmer, sondern entwickeln auch kürzere Knochen im Gesichtsschädel und charakteristische Fellzeichnungen mit hellen Flecken.
Obwohl Waschbären natürlicherweise bereits Gesichtsmarkierungen aufweisen, konnten die Forscher bei den städtischen Exemplaren noch keine Knickohren nachweisen.
“Das zeigt wahrscheinlich, dass sie sich noch in den Anfangsstadien dieses Domestikationsprozesses befinden”, erklärte die Zoologin.
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