Soziale Medien als Suchtfalle? Eine neue Studie zeigt: Selbst Jugendliche erkennen die Gefahren – und fordern überraschend deutlich strengere Regeln für sich selbst.
Die Deutschen blicken mit wachsender Besorgnis auf die psychischen Auswirkungen der Handynutzung – nicht nur bei Heranwachsenden, sondern auch bei Erwachsenen. Eine aktuelle repräsentative Erhebung des Ifo-Instituts (Wirtschaftsforschungsinstitut) München im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen belegt: 84 Prozent der Befragten befürchten negative Folgen für die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen durch den Konsum sozialer Medien. Für Erwachsene sehen immerhin 59 Prozent ein Risiko.
Die Besorgnis der Deutschen ist nicht unbegründet: Laut der aktuellen DAK-Studie 2025 weisen bereits mehr als 25 Prozent der 10- bis 17-Jährigen eine riskante oder pathologische Nutzung sozialer Medien auf. Das entspricht rund 1,3 Millionen betroffenen Jugendlichen – ein dramatischer Anstieg um 126 Prozent im Vergleich zu 2019. Besonders auffällig: Jungen sind mit sechs Prozent fast doppelt so häufig betroffen wie Mädchen mit 3,2 Prozent.
Bemerkenswert ist dabei die Selbsteinschätzung der jungen Generation. Drei Viertel der 14- bis 17-Jährigen erkennen in sozialen Netzwerken eine Gefahr für die Psyche ihrer Altersgenossen. Zwei Drittel sehen auch bei Erwachsenen ein Risiko. „Die Jugendlichen sind sich der schädlichen Wirkung bewusst – und nutzen diese Plattformen dennoch weiter“, erklärt Ifo-Forscher Ludger Wossmann. „Das entspricht einem klassischen Suchtverhalten.“
Ruf nach Regulierung
Ein Großteil der Bevölkerung unterstützt strengere Regeln: 68 Prozent der erwachsenen Befragten sprechen sich für ein Verbot sozialer Medien für Kinder unter 16 Jahren aus. Überraschenderweise befürworten auch 55 Prozent der Jugendlichen selbst eine solche Einschränkung. „Diese hohe Zustimmungsrate ist erstaunlich“, kommentiert Wossmann. „Die Jugendlichen scheinen externe Unterstützung zu suchen, um sich selbst zu schützen.“
Die hohe Zustimmung zu Altersgrenzen zeigt sich auch in anderen aktuellen Umfragen: Eine separate Ifo-Erhebung ergab, dass sogar 85 Prozent der deutschen Erwachsenen eine Altersgrenze von 16 Jahren für Social-Media-Accounts befürworten. Fast die Hälfte der 14- bis 17-Jährigen unterstützt diese Maßnahme ebenfalls – ein klares Signal dafür, dass auch die Betroffenen selbst Handlungsbedarf sehen.
Die Studienergebnisse zeigen eine generationenübergreifende Besorgnis. Selbst bei Senioren über 65 Jahre, die häufig wenig Berührungspunkte mit sozialen Medien haben, äußern 82 Prozent Bedenken hinsichtlich der psychischen Gesundheit von Jugendlichen. In der Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen liegt dieser Wert sogar bei 88 Prozent.
Neue Suchtphänomene erkannt
Die DAK-Studie, die gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf durchgeführt wurde, identifizierte auch neue problematische Verhaltensmuster. Erstmals wurde das Phänomen „Phubbing“ wissenschaftlich erfasst – das Ignorieren von Gesprächspartnern zugunsten des Smartphones. Bei über einem Drittel der Jugendlichen führt dieses Verhalten bereits zu Konflikten im sozialen Umfeld.
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Schutzmaßnahmen gefordert
Angesichts dieser Erkenntnisse fordert die Stiftung Familienunternehmen eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. „Wir müssen diskutieren, wie wir Kinder und Jugendliche besser vor den Risiken schützen können“, betont Rainer Kirchdorfer vom Vorstand der Stiftung. „Ein Nutzungsverbot für Unter-16-Jährige könnte ein erster Ansatz sein.“
Als Hauptgründe für strengere Regulierung nennen die Befragten vor allem Sorgen über Handysucht, Konzentrationsstörungen und psychische Beeinträchtigungen. Experten fordern jedoch einen ausgewogenen Ansatz zwischen Jugendschutz und digitaler Freiheit.
Die Ifo-Studie verdeutlicht die massive Verunsicherung in der Bevölkerung bezüglich der Nutzung von Plattformen wie Instagram und TikTok. Ein erheblicher Teil der Befragten befürwortet Zugangsbeschränkungen für Minderjährige, während gleichzeitig die Sorge vor gesundheitlichen Beeinträchtigungen unter Jugendlichen selbst weit verbreitet ist.